Integration I: Deutsche in Lateinamerika

Ausgabe 97: Amazonas
Ausgabe 97: Amazonas

Einfach abhauen und in einem anderen Land ein neues Leben anfangen - das wollen und wollten schon immer viele Deutsche. 1994 verließen über 138.000 Deutsche ihre Heimat, so viele wie nie zuvor in der Nachkriegszeit. Dabei liegen die USA als Zielland unangefochten an der Spitze. Lateinamerikanische Staaten rangieren weit unten auf der Beliebtheitsskala, trotzdem ist auch dort ein Anstieg an deutschen Einwanderern zu verzeichnen.

 

Ein Grund, warum sich der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe von MATICES der Situation dieser Menschen widmet. Es überwiegt der Blick ins 19. und zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als die Wanderungsbewegung aus Deutschland nach Lateinamerika am stärksten war. Eine Gesamtschau aus dieser Zeit präsentiert Walther L. Bernecker, der sich hauptsächlich mit den drei wichtigsten Einwanderungsländern Argentinien, Brasilien und Chile befaßt. Die Gefühle und Probleme damaliger Übersiedler dürften mit denen heutiger Auswanderer teilweise identisch sein. Schon deshalb ist es spannend, sich mit der Geschichte dieser Auswanderung auseinanderzusetzen. Um sich ein Bild der Situation zu verschaffen, auf die die Siedler damals trafen, seien allen Lesern die Berichte Alexander von Humboldts empfohlen.

 

Mit dem Entschluss, die Heimat zu verlassen, läßt man nicht nur alte Probleme hinter sich, sondern es beginnen auch neue, wie der Beitrag von Christoph Strupp zeigt, der die Ursachen der Auswanderung und die Entbehrungen und Mühen der Reise beschreibt. Die Konsequenzen einer solchen Entscheidung werden eindrucksvoll in den sehr persönlichen Erinnerungen eines deutschen Pioniers in Mexiko um 1900 und einer Brasilien Immigranten in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts dargestellt. Weitere Beiträge berichten von den Siedlern am Oberlauf des Paraná, von Kaffee Baronen in Zentralamerika und Deutschen in Kuba. Die Flucht vieler Nationalsozialisten nach Lateinamerika ist ein wichtiges Thema, das auch in unserem Themenschwerpunkt präsent ist, jedoch in den einzelnen Beiträgen nicht im Mittelpunkt steht.

Bei Beiträgen, welche die Wanderungsbewegungen mehrerer Jahrhunderte abdecken, können Begriffe wie ,,Deutsche" und ,,Deutschland" nur notwendige Hilfskonstruktionen bleiben. Einerseits ist angesichts der Komplexität der historischen Entwicklung der deutschsprachigen Staaten der Begriff des Deutschen in früheren Jahrhunderten kaum befriedigend zu definieren. Andererseits galt in den Einwanderungsländern lange Zeit als deutscher Einwanderer bereits jeder, der Deutsch sprach, also auch Schweizer, Rußlanddeutsche oder Deutsche, die schon lange in anderen lateinamerikanischen Staaten gelebt hatten. Ihr besonderes Augenmerk richten alle Autoren auf einen für die meisten Auswanderer zentralen Aspekt ihres Neuanfangs: ihre gewollte oder fremdbestimmte Integration oder Isolierung. Wurde das Gastland zur neuen Heimat, wie zum Beispiel für die meisten Deutschen Costa Rica, oder isolierten sich die Neuankömmlinge, wie in Venezuela?

 

Integration als Eingliederung in ein größeres Ganzes, also Einbindung eines fremden" Individuums oder einer Minderheit in eine umfassende Einheit, beruhend auf der Anerkennung gemeinsamer Grundwerte. Ziele und Merkmale, ist in erster Linie ein soziales Problem. Noch stärker dieser Aspekt im zweiten Teil des doppelten Themenschwerpunkt Integration zum Tragen, der sich mit der Situation der Lateinamerikaner Spanier und Portugiesen in Deutschland befassen und im Januar 1998 ersehnen wird.

 

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