Ausgabe 93



Habitat - Alternativer Wohnraum in Lateinamerika

Habitat ist Latein und bedeutet ‚[es] wohnt‘. Im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet es meist den (biologischen) Lebensraum. Bei Wikipedia heißt es, das Habitat sei „der charakteristische Aufenthaltsbereich einer bestimmten Tier- oder Pflanzenart”. Mittlerweile wird der Begriff jedoch nicht nur synonym zu Biotop verwendet, sondern auch, um die Lebensstätte einer Gemeinschaft zu bezeichnen. Diese Bezeichnung eines (Wohn-)Raums kann also ganz verschiedene Ebenen bezeichnen: Der Nestbau eines Tieres unterscheidet sich deutlich von dem Wachsen einer Stadt. „Alles Leben ist Wohnen. Schaffen einer Bleibe. Wohnen bedeutet in den Spuren vergangenen Lebens zu bleiben” schrieb der Philosoph Ivan Illich. Das Tier sucht sich sein Territorium durch Instinkt. Sein Nest dient als temporärer Raum für die Fortpflanzung seiner Art. Der menschliche Wohnraum soll mehr sein, ein teils privates, teils soziales Zuhause, doch im Rahmen rationalen und ökonomischen Bauens wird das Schaffen eines eigenen, persönlichen Wohnraums schwerer.

Bauvorschriften und vorkonfektionierte Apartments und Fertighäuser schränken die Flexibilität und Diversität in der Gestaltung des menschlichen Habitats ein.

 

In Lateinamerika jedoch gibt es Ansätze, die genau dies wieder mehr in den Blick nehmen. Wir stellen einige Beispiele dafür vor. In Uruguay etwa bauen Wohnkooperativen gemeinsam, nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen. Hier werden Neubauten in einer guten Grundqualität auch für eine Klientel erschwinglich, die sich Eigentum ansonsten nicht leisten könnten. Das Modell wurde von der UN-Habitat-Konferenz ausgezeichnet und dient als Vorbild für Kooperativen in ganz Lateinamerika. Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Gestaltung von Wohnraum ist Nachhaltigkeit: Das Prinzip der “drei R” - reducir, reciclar, reutilizar findet beispielsweise beim Earthship-Projekt in Argentinien Anwendung. Wir stellen das Schulprojekt vor, das neben dem nachhaltigen Bauen auch darauf setzt, zu überdenken, wie wir die Welt bewohnen wollen. Recycling wird auch bei den Beispielen aus Guatemala großgeschrieben: Abfälle, Müll, Schutt werden hier gesammelt und als Baumaterial wiederverwendet. Ökologisch einwandfrei - und angelehnt an die seit langer Zeit auf dem Land viel genutzte Lehmbauweise - baut auch die Hare-Krishna-Gemeinde in Peru, das Ergebnis zeigen wir in einer Bilderstrecke: Hier wurde ein Ort geschaffen, der an die Lebensweise einer bestimmten Gemeinschaft angepasst ist und genau auf deren Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dies gilt auch, jedoch auf ganz andere Art, bei den “umzäunten Städten” in Chile. Die ciudad vallada ist eine Stadt, entworfen auf dem Reißbrett, mit dem Hauptziel: Sicherheit. Hier wird das Prinzip einer gated community innerhalb einer bestehenden Stadt ausgedehnt auf eine artifizielle, eigene Kleinstadt.

 

Im Themenspecial “Habitat” steht also im Vordergrund, wie Menschen in Lateinamerika wohnen - wir betrachten dabei aber weniger die Art von Stadt, Zuhause oder Wohnraum, die die letzten Jahrzehnte bestimmt, sondern wenden uns neue Entwicklungen zu. Die Beiträge zeigen: einerseits gibt es problematische Entwicklungen, die Zersiedlung, die Belastung der Umwelt, soziale Trennung und ähnliches einschließen. Gleichzeitig gibt es aber auch gegenläufige Trends, die sich genau diesen Problemen zuwenden, und versuchen, dafür kreative Lösungen zu finden, und das menschliche Habitat aktiv zu gestalten.

 

Ein teurer Spaß, nicht nur für diejenigen, die dort wohnen, sondern auch alle anderen, die die Kosten von Staus und Zersiedlung mittragen müssen. Auch bei der Vermietung von AirBnB-Apartments treten ähnliche Probleme auf. Wir schauen auf die Auswirkungen der Ausbreitung des “AirSpace”, ein Raum, der eine mobile, kosmopolitische Elite anspricht, die sich überall auf der Welt zuhause fühlen soll.

Artikel zum Lesen


Die Angst bleibt

Gesellschaft

Spaniens Wirtschaft wächst, die Gesellschaft bleibt arm

von Conrad Lluis Martell

Die Euro-Krise: Griechenland, Spanien, Portugal und Irland haben Dutzende Milliarden an Hilfe bekommen und sollten dafür ihre Wirtschaft auf Vordermann bringen. Nun verkündet Spanien das Ende der Krise. Das Land steht an der Spitze des Aufschwungs- die Wirtschaft wächst und die Zahl der Arbeitslosen ist gesunken. Ja, viele Menschen finden wieder Arbeit, aber nur unter prekären Bedingungen. Die Verarmung ist bereits bis zur Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Doch die Empörung der Menschen bleibt stumm.

Wohnkooperativen in Uruguay

Schwerpunkt

40 Jahre Erfahrung mit kollektivem Aufbau und Widerstand

von Flor Goche 

 

In Uruguay gibt es 15.000 Familien, die in gemeinsam aufgebauten und selbstverwalteten Wohnprojekten leben. Die Häuser werden in Gemeinschaft errichtet, danach werden sie unter denjenigen verlost, die bei den Bauarbeiten mit angepackt hatten.

"Si no se canta va a ser muy difícil"

Kultur

Patricia Ariza sobre feminismo y cultura construyendo la paz en Colombia

por Nora Schramm

En cooperación con la Universidad Nacional de Colombia, Bogotá, la Kunsthochschule für Medien Köln realizó una noche de cine y un día de simposio explorando el papel de los y las artistas y cineastas en el post-conflicto colombiano. Activistas y directores de documentales de Colombia, tanto como profesores y artistas de ambas universidades hablaron de las posibilidades que abren intervenciones artísticas y sus experiencias en esa época de transición a la paz. Entre ellos: Patricia Ariza, directora de teatro, cofundadora de la compañía de teatro “La Candelaria”, directora de los festivales “Mujeres en Escena para la Paz” y “Festival Alternativo de Teatro” y fundadora del movimiento “Artistas para la Paz”.





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