Ausgabe 89



Krieg, Frieden, Kolumbien

Coverbild Ausgabe 89: Krieg, Frieden, Kolumbien.
Ausgabe 89: Krieg, Frieden, Kolumbien.

Kolumbien, Krieg und Frieden. Drei Worte auf weißem Hintergrund. Wer Matices kennt, weiß, dass die Cover meist bunt und farbenfroh ist - als Zeichen für Vielfalt. Was bedeutet nun dieser ungewohnte weiße Hintergrund? Mit der Farbe Weiß verbinden wir Idealvorstellungen: Die Friedenstaube ist weiß, genauso wie die Flagge, die gehisst wird, um zu signalisieren, dass ein Krieg beendet ist. Weiß als Gegensatz zu schwarz. Schwarz: Angst, Bedrohung, Asche, Härte und Hass. Helligkeit wirkt besonders dort, wo es früher dunkel war. Frieden wird dort gebraucht, wo zuvor Krieg herrschte oder Konflikte vorherrschend waren. Weiß ist die hellste aller Farben und in der Farbmischung des Lichts ist Weiß zugleich die Summe aller Farben. Die erste Matices-Ausgabe des Jahres 2017 vereint diese Aspekte im Hinblick auf Kolumbien: Die vielen Facetten, die Krieg und Frieden bedeuten und die unterschiedlichen Entwicklungen, die sie mit sich bringen.

Anlass für das Schwerpunktthema ist der Friedensvertrag, der nach vier Jahren der Verhandlungen zwischen der Guerillagruppe FARC-EP und Verhandlungsführern der Regierung von Präsident Santos unterzeichnet wurde. Ein beidseitiger Waffenstillstand wurde geschlossen und am 26. September 2016 wurde im Beisein hochrangiger nationaler und internationaler Gäste die Friedensvereinbarungen feierlich unterzeichnet. Der Vertragstext wurde der kolumbianischen Bevölkerung vorgelegt und am 2. Oktober stimmte diese in einer Volksabstimmung darüber ab. Überraschend wurde der Friedensvertrag mit einer knappen Mehrheit der Stimmen abgelehnt. Die Verunsicherung in der Bevölkerung war groß, jedoch sicherten beide Seiten zu, den Waffenstillstand beizubehalten. Zügig wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen, der Vertrag überarbeitet und im Parlament verabschiedet. Formal gab es nun keine Gegenstimmen mehr, allerdings verließen die Gegner vor der Abstimmung als Zeichen von Protest und Nicht-Zustimmung den Saal. Anfang Dezember 2016, mit dem día D, trat der Vertrag in Kraft und seitdem befindet sich Kolumbien in der Implementierungsphase der im Vertrag festgelegten Maßnahmen und Bestimmungen.

Ursprung des Krieges war einst das sehr große Gefälle zwischen der armen und reichen Bevölkerung des Landes. Die ungleiche Verteilung des Landbesitzes war dafür besonders ausschlaggebend. Noch heute zählt Kolumbien zu den Ländern mit der weltweit größten sozialen Ungleichheit. Der Beginn des bewaffneten Konflikts wird auf das Jahr 1964 datiert. Seitdem wurden in Kolumbien über acht Millionen Menschen Opfer von Mord, gewaltsamen Verschwindenlassen, sexualisierter Gewalt, Vertreibung, Massaker, Folter, Zwangsrekrutierung und Entführung. Angehörige indigener Volksgruppen, afrokolumbianische und kleinbäuerliche Gemeinschaften, Frauen und Mädchen sowie Menschenrechtsverteidiger,

Gewerkschafter und Unterstützer von Bürgerinitiativen sind nach wie vor die Hauptleidenden dieser Menschenrechtsverletzungen. Verantwortlich dafür sind Täter aller Konfliktparteien: Mitglieder der Guerilla-Gruppen FARC, ELN, EPL, Angehörige neuer und alter paramilitärischer Verbände, Bedienstete von Polizei und Militär sowie zahlreiche Politiker und Vertreter der Wirtschaft. Sie alle haben unzählige Vergehen direkt ausgeführt, unterstützt, autorisiert oder von der daraus gewonnenen Kriegsbeute profitiert.

Diese Ausgabe beleuchtet die vielfältigen Aspekten des kolumbianischen Bürgerkrieges und der Friedensvereinbarungen. Wir berichten vom soziokulturellen Konflikt der Genderfrage, von gewaltsamen Vertreibungen der Zivilbevölkerung, von den Gewaltdynamiken paramilitärischer Gruppierungen und von einem der grausamsten Verbrechen seit Anfang der kriegerischen Auseinandersetzungen, dem Massaker von Bojayá. Dabei kommen viele wichtige Fragen auf: wie lässt sich erklären, dass nach Jahrzehnten von Gewalt und Terror die kolumbianische Bevölkerung den in Havanna ausgehandelten Friedensvertrag dennoch abgelehnt hat? Inwiefern wird nach dem überarbeiteten Abkommen tatsächlich Frieden in Kolumbien einkehren und wie lang wird das dauern? Oder werden Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt weiterhin im südamerikanischen Land vorherrschen?

 

Eine spannende und aufschlussreiche Lektüre wünscht,

 

die matices-Redaktion


Artikel zum Lesen


Kaffee statt Koka

Gesellschaft

Ein Pilotprojekt in Kolumbien soll den Drogenhandel unterbinden - und setzt die Bauern unter Druck

von Julia Gurol

Nach mehr als 50 Jahren gewaltsamen Konflikts steht Kolumbien an einem Wendepunkt. Doch eine der größten Herausforderungen ist weiterhin der Kampf gegen den Drogenhandel. Über 90.000 Hektar illegale Koka-Plantagen sollen daher durch Kaffee oder Kakao ersetzt werden. Was für die Regierung ein wirtschaftliches Vorzeigeprojekt werden soll, bedeutet für viele Bauern ein Dilemma: finanzielle Sicherheit oder Legalität?

Colombia en dos

Schwerpunkt

El debate sobre el enfoque y la “ideología de género” en los acuerdos de paz

por Felipe Espinosa Wang

Colombia se ha visto envuelta desde hace más de 50 años en un conflicto armado que no parecía tener fin. Cifras oficiales calculan que el conflicto ha dejado más de 267.000 muertos, 46.000 desaparecidos y 7.00.000 de desplazados. En 2012, el Gobierno colombiano y la guerrilla de las

FARC comenzaron a negociar en La Habana una solución pacífica al conflicto. Y después de años de negociación, ambas partes llegaron a un acuerdo que fue sometido a voto popular. Tras intensas campañas a favor y en contra –y de acalorados debates internos sin precedentes–, el acuerdo de paz en Colombia fue rechazado por un corto margen. No obstante, meses después, y sin aval del voto popular, un acuerdo revisado fue ratificado por el Congreso. Entre las muchas caras del debate en torno al fin del conflicto armado con las FARC, uno tomó especial renombre: la disputa moral por la supuesta imposición “encriptada” de una “ideología de género” en el acuerdo final de paz.

Im intensiven Jetzt

Kultur

Politische Statements aus Brasilien bei der Berlinale 2017

von Sonja Hofmann

Vielseitig waren die Botschaften der lateinamerikanischen Filme in diesem Berlinale-Jahr. Der chilenische Wettbewerbsfilm Una mujer fantástica von Sebastián Lelio über eine Transgender-Frau, die von der Familie ihres Mannes angefeindet wird, wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch sowie dem Teddy Award ausgezeichnet. In der Reihe Berlinale Special lief der neue Film von Fernando Pérez Últimos días en La Habana über den HIV-Infizierten Diego, seinen ausreisewilligen Freund und ein Kuba im Umbruch. Neben sexueller Selbstbestimmung wurden vor allem in zahlreichen Filmen aus Brasilien verschiedenste Formen von Herrschaft, Unterdrückung und Revolte thematisiert.



Dass Musik aus Kolumbien zum Tanzen nötigen Schuss Beat enthält, möchte diese Playlist zeigen.
Die Auswahl spiegelt den Geschmack einiger Autor*innen dieser Ausgabe wider, die ihre "Klassiker" aus Rock, Pop und Dance genannt haben.



Social Media






Liebe Leserinnen und Leser!

 

Wie gefällt Ihnen Matices? In unserer neuen Online-Leserumfrage haben Sie nun die Möglichkeit, uns Ihre Meinung mitzuteilen und so unser Angebot aktiv mitzugestalten. Die Teilnahme erfolgt vollkommen anonym und unkompliziert. Als kleinen Anreiz verlosen wir unter allen teilnehmenden Personen 3x1 Matices-Jahres-Abo (4 Einzelhefte) für die eigene Lektüre oder zum Verschenken.

 

Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung und wünschen Ihnen nach wie vor viel Freude beim Lesen unserer Zeitschrift!

 

Ihr Matices-Team