Ausgabe 90



Besonders teilhaben - Behinderung in Lateinamerika

Coverbild Ausgabe 90: Besonders teilhaben - Behinderung in Lateinamerika
Ausgabe 90: Besonders teilhaben - Behinderung in Lateinamerika

Wie geht die Mehrheit mit Minderheiten um? Sie nutzt sie als Schimpfwort. Was früher der “Spasti” war, ist heute der “Homo” oder das “Opfer”. Gleich geblieben ist der empathielose Umgang mit Menschen, die anders sind.

 

Menschen mit Behinderung sind anders und sie bilden die größte Minderheit der Welt: 1 Milliarde Menschen lebt mit einer Behinderung. In Lateinamerika sind es mit 66 Millionen rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung.

 

Die meisten Menschen kommen selten mit Menschen mit Behinderung in Berührung und wenn es geschieht, sind sie oft emotional indifferent und wissen nicht damit umzugehen. Wie verhält man sich? Wohin schaut man? Was darf man sagen? Wann soll man helfen? Weltweit werden Menschen mit Behinderung ausgeschlossen und weggesperrt; die Teilhabe an einem normalen Leben ist für sie ungleich schwerer als für die vermeintlich Gesunden.

 

2006 stellte der damalige ecuadorianische Vizepräsident Lenín Moreno drei Fragen im Bezug auf Menschen mit Behinderung: “Wo sind sie, wie geht es ihnen, was brauchen sie?” Die Antworten waren erschreckend, sagte Moreno in einer Rede vor der UN-Vollversammlung 2010. “Nicht im entferntesten haben wir uns vorgestellt, was wir fanden: verlassene Menschen in Erdlöchern und Käfigen. Stille war ihr Begleiter, der Tod ihre einzige Hoffnung.” Damals gab Ecuador 900.000 Dollar pro Jahr für Menschen mit Behinderung aus, mittlerweile sind es rund 200 Millionen Dollar.

 

Mit der Ratifizierung seitens Ecuadors trat die UN-Behindertenrechtskonvention am 3. Mai 2008 in Lateinamerika in Kraft. Die Konvention ist ein universelles Rechtsinstrument, das soziale Standards definiert, an denen sich die Vertragsstaaten messen lassen müssen. Inklusion und Barrierefreiheit sind mittlerweile auch Menschen ohne Behinderung ein Begriff - aber sind sie mit Inhalt gefüllt oder bisher nur leere Worthülsen?

 

Wir haben nachgefragt, was Inklusion in Lateinamerika in der Praxis bedeutet.

 

Antworten geben Lenín Moreno, der frisch gewählte Präsident Ecuadors und der erste Staatspräsident im Rollstuhl; Christa Maria Stark de Diaz, eine Sonderschulleherin aus Peru, die bemängelt, dass dort “die Inklusion ausgebrochen” ist; oder Juan Angel de Gouveia, Vizepräsident von RIADIS, einem Behinderten-Dachverband mehrer Nichtregierungsorganisationen.

 

Zudem lassen wir uns erzählen, wie Birgit Kober, die Goldmedaillengewinnerin im Kugelstoßen, die Paralympics in Rio erlebt hat, zeigen dass “Behinderung” nicht nur als Wort ungemein schwierig und vieldeutig ist, sondern auch als Gebärde und schauen, wie Brasilien mit seinen Menschen mit Behinderung umgeht. Zu guter Letzt skizziert uns die brasilianische

Künstlerin Sophia Pinheiro das Thema auf eine charmante und kluge Art. Behinderung begriffen als Verschiedenheit. Eine Verschiedenheit, die angenommen und gelebt werden will; nicht ausgegrenzt, benachteiligt, bestraft.

 

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht

die matices-Redaktion

 


Artikel zum Lesen


Spaniens Südgrenze

Gesellschaft

Kristallisationspunkt von Menschenrechtsverletzungen

von Marian Henn

Die autonome Stadt Ceuta bildet gemeinsam mit der zweiten spanischen Exklave Melilla das einzige europäische Territorium auf dem afrikanischen Kontinent. Dies hat nicht nur eine massiv zunehmende militärische Aufrüstung der Grenze zur Folge, mit dem Ziel Migration abzuwehren, sondern die Grenze von Tarajal in Ceuta stellt darüber hinaus einen geographischen Raum dar, in dem sehr verschiedene Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Die großen Unterschiede von sozialen, ökonomischen, politischen und rechtsstaatlichen Standards führen zu großer Arbeitnehmer*innenmobilität. Mehr als 7.000 Frauen überqueren täglich die Grenze von Tarajal nach Ceuta. Viele von ihnen versuchen als Sexarbeiterinnen, Hausangestellte oder porteadoras - also Trägerinnen - ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften.

Behindertengerecht ist menschengerecht

Schwerpunkt

Die UN-Behindertenrechtskonvention in Lateinamerika

von Gunda Wienke

Die Vereinten Nationen schufen die UN-Behindertenrechtskonvention, um den weltweiten Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Menschen mit Behinderungen entgegenzutreten. Sie ist ein universelles Rechtsinstrument, das soziale Standards definiert, an denen sich die Vertragsstaaten messen lassen müssen. Ziele sind: Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung.

„Wenn man die Welt retten will, ist das nicht so einfach.“

Kultur

Ein Gespräch mit Liedermacher und Autor Lluís Llach

von Torsten Eßer

Der katalanische Liedermacher und Schriftsteller Lluís Llach hat seinen zweiten Roman „Die Frauen von La Principal“ veröffentlicht. Auf der lit.COLOGNE in Köln stellte er ihn dem deutschen Publikum vor. Torsten Eßer hat ihn dort getroffen.



Eine Auswahl mit Songs von Künstlern mit einer Behinderung zeigt, wie wenig sie sich in ihrer Musik behindern lassen!



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