Dreiundvierzig Quadratmeter Frieden?

von Diana Paola Cabrera Rojas und Stefan Borghardt


 

Bereits vier Jahre vor Abschluss des Friedensvertrages 2016 mit der FARC-Guerillera brachten Ex-Präsident Juan Manuel Santos und sein Minister für Wohnungsbau, Germán Vargas Lleras, der später für Santos Amtsnachfolge kandidierte, ein medienwirksam beworbenes Wohnbauprojekt auf die Strecke. Nach Vorbild des brasilianischen Programms Minha Casa, Minha Vida entstanden 100.000 kostenfreie Wohnungen für Kriegsopfer, Vertriebene und Leidtragende von Naturkatastrophen. Inmitten der von kriminellen Banden umkämpften und unsichtbaren Grenzen durchzogenen Peripherie von Medellín wurde im Jahr 2015 der Wohnkomplex Pelícanos 3 erbau.

Hier leben 545 Familien aus unterschiedlichen Herkunftsregionen und Kontexten auf engstem Raum zusammen. Stacheldraht und Überwachungskameras schaffen ein Gefühl von Sicherheit. Jede Wohnung verfügt über zwei bis drei Zimmer, eine Wohnküche mit Nische zum Wäschetrocknen und ein Bad. Gemeinschaftsflächen oder Kinderspielplätze wurden in der Planung nicht berücksichtigt. Eltern berichten, sie ließen ihre Kinder aufgrund bewaffneter Konflikte nicht draußen spielen und begleiteten sie sicherheitshalber auf dem Schulweg. Der Zugang zu ärztlicher Versorgung sei ebenfalls problematisch, außerdem habe der Staat seit Schlüsselübergabe jegliche Betreuung vor Ort vermissen lassen.

 


 

Ofelia Cuesta Roa (44)

„Wir mussten sieben Jahre warten, bis wir die Wohnung bekommen haben. Dafür bin ich wirklich dankbar, aber der Platz ist viel zu knapp. Insgesamt leben wir hier zu dreizehnt. Alle meine Töchter haben schon Kinder.

Deshalb wird es nachts sehr eng. Einige müssen auf dem Boden schlafen, weil es keinen Platz für weitere Betten gibt. Man muss sehr viel Geduld haben. Streit lösen wir im Dialog. Als alleinerziehende Mutter ist die Situation sehr hart.“ 

María Marta Castaño Londoño (71)

„Das ist wie im Gefängnis von Bellavista, habe ich meinem Sohn gesagt. Täglich bin ich hier eingeschlossen und kann nirgendwohin. Es gibt keinen Vergleich zu meinem alten Zuhause, wo ich meine Familie und meine Freunde hatte, mit denen ich etwas unternehmen konnte. Da mein Haus an einem Flussufer stand, haben sie mich dort heraus geholt und ich bin allein hierhergekommen.

Aufgrund meiner Artritis tun mir die Knöchel so weh, dass ich die Treppe hochgetragen werden muss. Ich fühle mich sehr krank. Aber was kann man schon machen, wenn sie einem sagen: Wenn Sie nicht dort einziehen wollen, bekommen Sie gar nichts!“

Im Keller befindet sich die Wohnung von María Marta. Besonders die Kälte macht ihr zu schaffen. Da die Wohnungen im Losverfahren vergeben werden, finden jeweilige Bedürfnisse keine Berücksichtigung.

 


Spielautomaten in der Wohnung erinnern an ein Billardlokal, das der Familie einst den Lebensunterhalt sicherte. Hohe Schutzgeldforderungen zwangen Pedro allerdings zur Aufgabe seines Betriebs. 

 

Pedro Mendoza (56)

„Wir kommen aus der Region Córdoba. Dort hatten wir eine Finca. Vor siebzehn Jahren mussten wir fliehen und sind hierher nach Medellín gekommen. 2015 wurden wir dann nach Pelícanos 3 umgesiedelt.

Der Vorteil ist, dass wir keine Miete mehr zahlen müssen, aber hier oben im vierten Stock kann ich kein Geschäft betreiben. Ich habe immer unabhängig gelebt – jetzt sind wir auf die Hilfe unserer erwachsenen Kinder angewiesen.“ 


Am Anfang ihres Ladens stand eine Vitrine mit Schreibwaren im Wohnzimmer. Heute reicht Luz Darys Angebot von einem Kopier- service über Kosmetik und Haushaltswaren bis hin zu Geschenkartikeln. Zu siebt unter einem Dach gilt es, eine penible Ordnung zu halten.

 

Luz Dary Marín (38)

„Ich persönlich denke, dass wir nur, weil wir geflohen sind, nicht in der Mentalität versauern dürfen, für alle Zeiten Vertriebene zu bleiben. Mir hat es immer gefallen, zu arbeiten, zu kämpfen und nach vorne zu schauen.

Es fühlt sich an, als lebten wir in einem Lager. Es ist nicht gerecht, dass wir praktisch alle aufeinander sitzen. Mein Traum ist es, in ein eigenes Lokal umzuziehen, um meinen Kindern den Platz in der Wohnung zu überlassen.“

Diana Paola Cabrera Rojas und Stefan Borghardt studieren Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Im März 2018 haben sie persönliche Gespräche mit Bewohner*innen geführt.