Desaparecidos. Warum Menschen verschwinden

Ausgabe 84: Desaparecidos - Warum Menschen verschwinden
Ausgabe 84: Desaparecidos - Warum Menschen verschwinden

Desaparecidos - Menschen, die gewaltsam verschwunden wurden. Im Deutschen ist das eine holprige Formulierung, so als sei uns diese Praxis gänzlich unbekannt. Doch gerade in Deutschland fand diese Terrormethode in den nationalsozialistischen Nacht und Nebel-Aktionen ihre Anwendung. Das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen ist seit den 1960er Jahren vor allem in lateinamerikanischen, aber auch in anderen Ländern weltweit gängige Praxis. Die rechtsgerichteten Militärdiktaturen der 70er und 80er Jahre des Cono Sur entledigten sich mit Hilfe dieser Terrortaktik unliebsamer politischer Gegner, entführten, folterten und ermordeten sie, um sie dann in geheimen Massengräbern zu verscharren oder im Meer zu ertränken. Seitdem im September letzten Jahres 43 Studierende aus Ayotzinapa im mexikanischen Bundesstaat Guerrero verschwanden – also entführt und höchstwahrscheinlich ermordet wurden – sind desaparecidos auch in deutschen Medien wieder ein präsentes Thema. Die Studierenden aus Ayotzinapa stehen dabei stellvertretend für Zehntausende aus Mittelamerika und Mexiko, die in den letzten Jahren verschwanden. Auch immer mehr Frauen werden Opfer gewaltsamen Verschwindenlassens. Unter dem Begriff feminicidio ist dies vor allem aus den mexikanischen Bundesstaaten Chihuahua und Estado de México bekannt.

Die Methode des Verschwindenlassens hinterlässt keine Spuren, und Angehörige der Opfer verharren in einem Zwiespalt zwischen Resignation und Hoffnung. Auch für die Gesellschaft und die Identität selbiger hat das gewaltsame Verschwinden lassen von Personen enorme Auswirkungen.

In diesem Schwerpunktheft zeigen wir, wie unterschiedlich sich die Menschen in Lateinamerika mit dem Thema desaparecidos auseinandersetzen. Was bedeuten desapariciones für die Identitätsfindung einer Gesellschaft und eines Staates?

Und wie schlägt sich das in der Kunst nieder? Was bedeutet es für Kinder von desaparecidos, mit ihrer (wahren) Herkunft konfrontiert zu werden? Und wie kann auf politischer Ebene gegen diese Menschenrechtsverletzung vorgegangen werden?

 

Eine spannende und aufschlussreiche Lektüre wünscht 
die matices-Redaktion



Inhaltsverzeichnis

Gesellschaft

 

Auf der Reise in den amerikanischen Traum? Kindermigration in Lateinamerika

von Cornelia Giebeler

 

Resistir a los poderosos. El movimiento revolucionario en El Salvador durante la Guerra Fría

Entrevista por Judith De Santis

 

Guatemaltekischer Frühling. Proteste gegen Korruption und die Regierung

von Kathrin Zeiske

 

Afrodescendientes en el Perú: Ayer y hoy. El desarrollo y las transformaciones del movimiento afroperuano

von Carla Ramos

 

Wer ist eigentlich? Timochenko

von Judith De Santis

 

Länderberichte: Argentinien, Peru, Bolivien, Kolumbien, Guatemala, Brasilien, Venezuela

 

 

Schwerpunkt:  Desaparecidos. Warum Menschen verschwinden

 

Offene Wunden. Die Verschwundenen in Lateinamerika

von Antonio Sáez-Arance

 

Aber dennoch... Bilanz nach fünf Jahren UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen

Interview von Katharina Mauz

 

Mexikos Geister

von Laura Cwiertnia

 

“¡Ayotzinapa vive!” Eine Fotostrecke

Bilder von Laura Tüngler und Jaime Rodriguez

 

Voces directas

Zurück bleiben die traumatisierten Familienangehörigen der Opfer

 

Von der guerra sucia bis Ayotzinapa. Formen des gewaltsamen Verschwindenlassens in Mexiko

von Ana-Laura Lemke

 

Algo mío. Argentiniens geraubte Kinder

Interview von Gunda Wienke

 

EL “Ni una menos” en el país del nunca más Violencia de género en Argentina

por Magdalena López

Kultur

 

Dislocaciones interiores. Proyecto fotográfico con cinco mujeres indíge- nas de Colombia

por Liliana Merizalde

 

Francisco de Zurbarán. Meister der Details

von Dirk Ufermann

 

El botón de nácar. Patricio Guzmán sobre la memoria en Chile

por Sven Pötting

 

Szenarien eines Kirchenaustritts. El Apóstata von Federico Veiroj

von Ute Mader

 

Die kolumbianische Welle. Neue Bands aus Kolumbien erobern Deutschland

von Torsten Eßer

 

Las reinas del Tropipunk. Una banda que no se encierra en un género

por Charlotte Koch

 

Finis Terrae. Neue chilenische Klänge in Köln

von Maria Claudia Hacker

 

Sabrina Malheiros. Botschafterin der neuen Música Popular Brasileira

von Frank Keil

 

Rezensionen

Epistolare Resonanzräume oder Trennung auf den ersten Blick

Blaue Blumen von Carols Saavedra

 

Ein politischer Werkzeugkoffer Podemos!

von Pablo Iglesias Turrión

 

Land der Kontraste und ewigen Sehnsucht

Portugal – Ein Länderporträt von Simon Kamm

 

Post aus Santiago de Chile


Artikel zum Lesen

Auf der Reise in den amerikanischen Traum?

Gesellschaft


Kindermigration in Lateinamerika

 von Cornelia Giebeler

Im Jahr 2014 waren 50.000 Kinder an der Grenze zwischen den USA und Mexiko unterwegs. Der US-Staat nahm dies zum Anlass für eine neue Grenzpolitik. Die Kinder werden von ihren Eltern geschickt, über tausende Kilometer hinweg. Sie flüchten vor Gewalt und Armut und werden dann zu Opfern von Maras und Menschenhändlern. Doch sind die Kinder nur Opfer der Verhältnisse oder nicht auch starke Akteure auf dem Weg in eine neue Zukunft der Migrationsgesellschaften?

Aber dennoch...

Schwerpunkt


Bilanz nach fünf Jahren UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen

von Katharina Mauz

Im Dezember 2010 trat das Internationale Übereinkommen zum Schutz von Personen vor

dem Verschwindenlassen in Kraft. Über 200 Eilverfahren wurden seitdem eingeleitet. Doch die Möglichkeit der Individualbeschwerde wird von vielen lateinamerikanischen Regierungen nicht anerkannt. Menschenrechtsverletzungen werden vielerorts nicht bestraft. Bei der internationalen Tagung „Gewaltsames Verschwindenlassen – Verbrechen mit System“ in der Akademie Bad Boll, ausgerichtet von der deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko, sprach matices mit dem Ausschussmitglied Rainer Huhle.

Die kolumbianische Welle

Kultur


Neue Bands aus Kolumbien erobern Deutschland

von Torsten Eßer

Von einer Welle zu sprechen mag etwas übertrieben sein, aber es ist schon ungewöhnlich, dass in diesem Jahr gleich mehrere Bands aus Kolumbien in Deutschland auftraten und sowohl beim Publikum wie auch in den Medien ein begeistertes Echo hervorriefen.




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