(c) Moritz Rugendas, Wellcome Collection
Die indigene Bevölkerung war Humboldt bei seinen Experimenten eine große Hilfe durch ihre guten lokalen Kentnisse

“Ich fühle es, dass ich hier sehr glücklich sein werde”

Ein Forscher erfüllt sich einen Lebenstraum

Mit der Biodiversität des Amazonas ist heute unausweichlich das wissenschaftliche Vermächtnis von Alexander von Humboldt verbunden. 5 Jahre lang kämpfte sich der vor Neugier brennende preußische Wissenschaftler über und durch Regenwald, (Schnee-)Berge, Sumpfgebiete und Steppe. Auf der Suche nach neuem Wissen sammelte er unzählige Pflanzen, Tiere und Gestein. Zum ersten Mal schaffte es ein Mensch, die weitreichende Biodiversität und kulturelle Vielfalt einer Region einer breiten Weltöffentlichkeit näher zu bringen und veränderte damit die menschliche Vorstellung von der Welt. Bis heute zeichnet ihn sein transdisziplinäres Denken beispiellos aus, denn wie kein*e andere*r zu seiner Zeit, brachte er die unterschiedlichsten Wissensbereiche zusammen. Dieses Jahr jährt sich der Geburtstag des Entdeckers, der dem Entdecken eher kritisch gegenüberstand, zum 250. Mal. Wie viel ist von der Humboldt’schen Wissenschaft heute noch auffindbar? Ein Gespräch mit dem Romanisten und Humboldt- Autor Ottmar Ette.

Interview von Julia Brekl

Wie sind Sie zu Alexander von Humboldt gekommen, Herr Ette?

Das ist eine Geschichte, die bis in den Beginn meiner Dissertation vor ca. 37 Jahren zurückgeht. Ich habe über den kubanischen Autor José Martí promoviert und habe dann gleichzeitig angefangen, mich intensiv mit Humboldt zu be-schäftigen und eine Edition vorzubereiten. Damals fand 1982 das Horizonte-Festival im alten West-Berlin statt; dort ist mir aufgefallen, dass die großen lateinamerikanischen Autoren wie Vargas Llosa, Rulfo und García Márquez ganz selbstver-ständlich von Alexander von Humboldt gesprochen haben. Sie haben eine gewisse Vertrautheit mit Humboldt bei ihrem Berliner Publikum vorausgesetzt. Aber das war eben nicht der Fall! Ich habe daraufhin recherchiert, wie es denn eigentlich mit Ausgaben über Humboldt stand. Da fiel mir auf, dass es bisher eigentlich nur lückenhafte Ausgaben gab, die Humboldt nicht genügend würdigten. Daraufhin habe ich ein Projekt mit dem Insel Verlag initiiert und habe eine Ausgabe über Humboldts Reisebericht „Relation historique“ auf Deutsch veranlasst. Beim Insel Verlag haben sie noch länger überlegt, dann hat man mir schließlich einen Vertrag angeboten für über 400 Seiten und ich habe trotzdem weiterhin an einer Ausgabe gearbeitet, die 1600 Textseiten gehabt hätte. Das war natürlich ein gewaltiger Unterschied. Es ist dann nach zwei Jahren doch gelungen, den Insel Verlag davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll ist, nur 400 Seiten Text über Humboldts Reisen zu bringen. Herausgekommen ist dann „Reise in die Äquinoctial- Gegenden des neuen Kontinents“.

Warum hat das Spanische Kolonialreich Amerika Hum- boldt so gereizt für eine Expedition? Warum nicht Afrika oder Südostasien, wo zu jenem Zeitpunkt auch europäi- sche Kolonien lagen?

Da wollte er auch hin. Plan eins war, mit Kapitän Nicolas Baudin eine Weltumsegelung zu machen. Daraus wurde jedoch nichts, weil die französische Regierung kein Geld für die Finanzierung der Forschungsreise hatte. Dennoch wurde er ziemlich lange hingehalten.

Plan zwei war, Napoleon als Teil der Wissenschaftler auf dem Ägyptenfeldzug zu begleiten. Das ging aber auch nicht, weil er nicht in die Gruppe der französischen Wissenschaftler aufgenommen wurde. Nachreisen war auch keine Option, da so gut wie alle Schiffsverbindungen zu dem Zeitpunkt des Feldzugs blockiert wurden. Plan drei war, in den Hohen Atlas zu reisen, nach Mekka zu weiterzureisen und von dort nach Kairo zurück in den östlichen Mittelmeerraum zu fahren. Das hat aber auch nicht funktioniert, weil er in der Blockade festsaß und nicht in den nordafrikanischen Raum einreisen konnte. Die Situation war außerdem sehr gefährlich und unüberschaubar. Dann ist er nach Spanien gegangen und hat dann durch eine Abfolge von Zufällen einen sehr guten Draht zum spanischen Königshaus gehabt. Er hat ihnen seinen Plan vorgelegt und vor allem auf seine Bergbau-Kompetenz hingewiesen. Man hatte Interesse an jemanden, der durch entsprechende Kompetenzen den Bergbau in Mexiko, aber auch in anderen Teilen des Kolonialreichs modernisieren könnte. Man hat ihm dann einen Reisepass ausgestellt, der ihm den Zugang im ganzen spanischen Kolonialreich in Amerika geöffnet hat. Dadurch hatte er einen guten politischen Schutz. Es war letztendlich also eine Mischung aus Zufall und Notwendigkeit. Humboldt war durchaus vorbereitet auf die spanischsprachige Welt. Er hatte Spanisch gelernt und hatte eine sehr klare Vorstellung, was er vor Ort erforschen wollte. 

Ende des 18. Jahrhunderts war der amerikanische Konti- nent für den Großteil der europäischen Gesellschaft eine fast unbekannte Welt, wie bereitete sich Humboldt bei so wenig Kenntnissen auf seine Reise vor?

Man glaubte lange, dass die spanischen Kolonien für nicht-spanische Europäer so gut wie verschlossen waren. Es gibt weit über zweihundert Berichte von Reisenden, die seit Anfang des 16. Jahrhunderts gereist sind und keine Spanier waren. Insofern war es kein absolutes Novum, dass er als protestantischer Preuße dort einreisen konnte. Er hatte etwa drei Jahre Zeit gehabt, sich mit unterschiedlichen Quellen und Reiseberichten vorzubereiten, nachdem seine Mutter gestorben war, er das Erbe angetreten und seine preußische Arbeitsstelle aufgegeben hatte. So konnte er sich ganz der Vorbereitung seiner außereuropäischen Reise widmen. Er hat es erstaunlicherweise geschafft, sich auf ganz verschiedene Reisegebiete vorzubereiten und dabei schon die unterschiedlichen Reise- gebiete miteinander zu vernetzen. Zum Beispiel kam ihm die Vorbereitung auf Ägypten sehr in Mexiko gelegen, nicht nur, weil es in beiden Bereichen Pyramiden gibt, sondern auch weil ihm die antiken Herrschaftssysteme bekannt waren und er so Vergleiche ziehen konnte, die transareal angelegt waren. Dieses transareale Denken hat ihm die Vorbereitung ermöglicht, aber auch einen neuen Wissenschaftsbegriff entfaltet.

Oft wird gesagt, dass Humboldt als der zweite Entdecker Lateinamerikas gilt. Menschliches Leben gab es schon Jahrtausende vor Ankunft der Europäer*innen auf dem südamerikanischen Kontinent. Ist Humboldt dann nicht vielleicht der einzig wahre Entdecker, falls überhaupt von Entdecker*innen gesprochen werden kann?

Er selbst hat ein durchaus kritisches Verhältnis zu dem Begriff „Entdeckung“ gehabt. Er hat Entdeckung sehr stark von Auffindung abgegrenzt. Für Humboldt war eine Entdeckung nur dann eine Entdeckung, wenn sie im Zusammenhang mit einer Untersuchung von komplexen Dimensionen stand, also einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Es reichte ihm zum Beispiel nicht aus, unterschiedliche geografische und topografische Daten aufzufinden, sondern diese Landschaften mussten dann auch in eine Verbindung gebracht werden. In diesem Sinn kann er durchaus als ein Entdecker betrachtet werden.

Humboldt sagte, dass er sich nie zuvor so gesund gefühlt hätte, wie im Amazonas. Wie hat er es geschafft, sich gesund zu halten bei all den Gefahren, die ihm in den Tropen auflauerten?

Es gibt einen sehr schönen Brief vom 16. Juli 1799 an seinen Bruder Wilhelm, in dem er schreibt: „Ich fühle es, dass ich hier sehr glücklich sein werde.“ Dieses Gefühl hat ihn nie verlassen. Er ist nicht wirklich krank geworden. Bei der Rückreise vom Orinoco hatte sein Reisegefährte Aimé Bonpland ein sehr starkes Fieber und stand kurz vor dem Sterben. Humboldt hingegen hatte nur ein leichtes Fieber. Er war zwar körperlich oft sehr belastet, aber er konnte diese Belastung auch gut verkraften. Als Junge war Humboldt eigentlich sehr kränklich, aber in den amerikanischen Tropen ist er zu einem sehr widerstandsfähigen Menschen geworden. Um sich vor den Moskitos zu schützen, rieb er sich zum Beispiel mit der roten Onoto Paste ein, die indigene Völker auch als Körperschmuck verwenden. Er muss schon ziemlich bunt ausgesehen haben. Aber auch andere Heilpflanzen der indigenen Bevölkerung wie die Fieberrinde, die gegen fiebrige Erkrankungen und Gelb- fieber verwendet wurde, führte er mit sich und untersuchte sie auf ihre Heilwirkung.

Welche Beziehung hatte Humboldt zur indigenen Bevölkerung?

Als Humboldt nach Lateinamerika aufbrach, herrschte in Europa ein klares Rassedenken, auch wenn sich der „wissenschaftlich“ begründete Rassismus noch nicht herauskristalli- siert hatte. Humboldt hatte durchaus Vorbehalte, das liest sich auch aus seinen amerikanischen Reisetagebüchern heraus. Dort sieht man, wie er zum Beispiel den Chaymas- oder Guaiqueries- Indigenen einige Vorurteile gegenüber hatte und diese dann aber mit der Zeit abstreifte. Danach nimmt er gegenüber der indigenen Bevölkerung und ihren Kulturen und Sprachen eine sehr viel positivere Position ein. Ob in den Llanos in Venezuela, im Orinoco, Amazonas oder den Anden – überall hatte Humboldt nicht zuletzt indigene Führer, die ihn begleitet haben. Auf der ganzen Reise durch die amerikanischen Tropen hat ihn zum Beispiel ein Guaiquerie namens Carlos begleitet, den er gleich am Anfang in der Nähe von Cumaná, Venezuela kennengelernt hatte. Er versuchte, die indigene Bevölkerung in ihren jeweiligen Ökosystemen zu verstehen. In welcher Art und Weise verhält sich der Mensch gegenüber seiner Umwelt? Humboldt brachte dabei wesentlich die kulturelle Dimension ins Blickfeld und die Natur war für ihn untrennbar mit dem Menschen verbunden. Dieses Humboldt‘sche Denken können wir zum Beispiel heute auch in einige Bereichen der Ethnologie beobachten .

(c) Friedrich Georg Weitsch, Public Domain
Alexander von Humboldt

Heute tragen viele biologische Arten, Straßen, Plätze und auch Institutionen Lateinamerikas den Namen Humboldts. Welche Relevanz hat Humboldt noch heute für die Region?

Anders als in Deutschland, wo die Humboldt-Forschung aus einem politischen Grund lange Zeit brach lag, ist in Lateinamerika die Humboldt-Forschung kontinuierlich. Insofern finde ich es gut, dass der Bundespräsident dieses Jahr im Februar nach Kolumbien und Ecuador gereist ist, um das 250. Humboldt-Jahr in Lateinamerika zu eröffnen. Die politische Vereinnahmung hat zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden. Die Kontinuität und intensive Auseinandersetzung Lateinamerikas mit Humboldt wurde über einen sehr langen Zeitraum in Deutschland nicht wahrgenommen. Erst in den letzten Jahren verändert sich die Situationen so langsam, sodass lateinamerikanische Veröffentlichungen über Humboldt mehr wahrgenommen werden.

Sie haben drei Jahre lang im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „Humboldt.ART“ in Humboldts amerikanischen Tagebüchern geforscht. Gibt es neue Erkenntnisse über den Menschen Humboldt, die Sie überrascht haben?

Es ist überraschend, wie lebendig Humboldt die Eindrücke schildert, die die Menschen und Begegnungen auf ihn machen. Gleichwohl mit der indigenen, schwarzen als auch kreolischen Bevölkerung. Oft schreibt er wie ein Schriftsteller in zwei bis drei Zeilen präzise Beschreibungen über Menschen. Diese Fähigkeit jemanden so genau zu erfassen, hat mich beeindruckt! Ein anderer spannender Bereich ist das Entstehen der Humboldt’schen Wissenschaft. Das hatte ich mir nicht so plastisch vorgestellt, wie innerhalb des Reiseverlaufs die unterschiedlichen Disziplinen in Verbindung gebracht werden. Er war ein stetiger Gesellschaftskritiker und besaß eine unvorstellbare Neugierde, die ihn selbst dazu bewegte Gefangene der Inquisition in Mexiko-Stadt zu ihrem Essverhalten zu befragen.

Humboldt hat neben biologischen auch kulturelle Objekte mit nach Europa gebracht. Die Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin dieses Jahr ist nicht ganz unumstritten in Bezug auf die allgemeine Debatte zur Dekolonisation von Museen. Welche Einstellung hatte Humboldt hierzu?

Humboldt hat die Grabstätte eines untergegangen Völker Stammes geplündert und dabei sieben oder acht Skelette mitgehen lassen und diese dann an verschiedene Sammlungen nach Deutschland geschickt. Insofern hat er durchaus diesen Dünkel der europäischen Wissenschaft mitgetragen. Dennoch liest sich das schlechte Gewissen, was er dabei hatte, aus seinen Schriften heraus. In Mexiko hat er wiederum versucht die Zeugnisse unterschiedlicher indigener Kulturen, was heute als Altamerikanistik bezeichnet wird, wieder zusammenzutragen. Das “Museo histórico indiano” des italienischen Historikers Lorenzo Boturini Benaduci ist damals von den kolonial-spanischen Behörden zerschlagen worden. Humboldt hat eine Reihe von Überresten dieser Sammlung aufgekauft und dann nach Europa geschickt und sie somit vor der Zerstörung gerettet. Die kolonial-spanischen Behörden hatten damals eine gewisse Zerstörungswut, bedingt durch religiöse Gründe, indigene Kulturobjekte zu vernichten. Beim Humboldt Forum wird es spannend zu beobachten, inwieweit bestimmte Objekte öffentlich zugänglich gemacht werden und wie die Frage der Rückgabe geregelt wird. Im Ethnologischen Museum in Berlin gab es Objekte, die nur im Archiv lagerten und nicht zu sehen waren. Ich bin ganz klar für die möglichst schnelle Restitution von Kulturgütern über Kommissionen, die zweiseitig besetzt sind.

Ottmar Ette
Ottmar Ette

Ottmar Ette ist Romanist und Lehrstuhlinhaber für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Seit Beginn der 1980er Jahre beschäftigt er sich intensiv mit Alexander von Humboldt und hat als Herausgeber und Autor bereits verschiedene Werke über Humboldt veröffentlicht. Zwischen dem 11. bis 16. Februar 2019 begleitete er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Humboldts Spuren durch Kolumbien und Ecuador. 

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