(c) Gabriela Felin
Gegenproteste: Einen Tag nach den feministischen Demonstrationen gegen ihn gehen auch viele Frauen für Bolsonaro auf die Straße

Ihn nicht! Und dann?

Die Rolle der brasilianischen Frauen für die Wahl Bolsonaros und die Frage nach der richtigen Strategie

Die #EleNão-Bewegung, die sich vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien gegen den rechtsextremen Kandidaten Jair Bolsonaro ausgesprochen hat, konnte Millionen von Frauen im ganzen Land mobilisieren. Doch Bolsonaro gewann die Präsidentschaftswahl mit großem Vorsprung, auch durch die Unterstützung brasilianischer Frauen. Jetzt muss ein Prozess der Reflexion und Selbstkritik in der Zivilgesellschaft folgen, um das große Potential feministischer Mobilisierung dennoch für sich zu nutzen.

von Isadora Paiva und Lucas Schucht 

(c) Samia Bomfim
Feministische Mobilisierung: Bis zu 500.000 Menschen nahmen am #EleNão-Protest in São Paulo vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen teil

Vor den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober 2018 protestierten mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen Frauen, gegen den rechtsextremen Kandidaten Jair Bolsonaro. Ausgehend von Aufrufen in den sozialen Medien wurde diese große Zahl Menschen unter dem Ruf ‚#EleNão‘ [Ihn Nicht] mobilisiert. Infolgedessen fanden am 29. September 2018 in ca. 150 Städten in ganz Brasilien (und vielen weiteren Städten weltweit) Demonstrationen und Märsche statt. Am Morgen vor den Protesten zählte die Facebook-Gruppe ‚Mulheres Unidas Contra Bolsonaro‘ [Frauen vereint gegen Bolsonaro], in der die Mobilisierung begann, über 3,8 Millionen Mitglieder.

Die Größe der Proteste veranlasste viele Linke in Brasilien dazu, ihre Chancen gegen Bolsonaro optimistisch einzuschätzen. Es schien, als würden Frauen das Land im Kampf gegen den Faschismus anführen. Zudem war Bolsonaro unter weiblichen Wählerinnen von Beginn an relativ unbeliebt, besonders im Vergleich zur großen Zustimmung die er von männlichen Wählern erhielt.

Die ersten Umfragen nach dem Wochenende, an dem der Protest stattfand, erzählten jedoch eine andere Geschichte. Bolsonaro gewann nicht nur durchschnittlich 4% bei den wichtigsten Umfragen, er schien vor allem bei Frauen Boden gutzumachen, ein Teil der Bevölkerung, der sich in diesen Tagen scheinbar geschlossen gegen ihn organisiert hatte. Bolsonaro legte nach den Protesten ungefähr 6% unter den Wählerinnen zu, während Haddad, als Kandidat der Arbeiterpartei und direkter Widersacher von Bolsonaro, sogar 3 Prozentpunkte verlor. Letztendlich schaffte es Bolsonaro in beiden Wahlgängen mehr weibliche Stimmen auf sich zu vereinen als Haddad. Diese Mobilisierung von Wählerinnen trug erheblich dazu bei, dass er im ersten und zweiten Wahlgang jeweils deutliche Wahlsiege feiern konnte. 

(c) Marcelo Camargo / Agencia Brasil
Lautstarker Sexismus: Jair Bolsonaro geht Maria do Rosário während einer Diskussion um Gewalt gegen Frauen im brasilianischen Parlament scharf an

Tradition, Evangelikale und Autoritarismus

Wie konnte es also dazu kommen, dass, trotz des großen Erfolgs der Mobilisierung um #EleNão, so viele Frauen für einen Kandidaten gestimmt haben, der gar nicht erst versucht seine frauenverachtenden Einstellungen zu verbergen? Die Forschung liefert hier bereits einige Erklärungsmuster. Frauen in Brasilien entscheiden sich oft so zu wählen wie der Rest der Familie. Dahinter steckt der Wunsch nach Anerkennung und die Bemühung, den Erwartungen an die ‚traditionelle‘ Rolle der Ehefrau zu entsprechen. In der Praxis bedeutet das zumeist, dass die Ehemänner für die gesamte Familie entscheiden.

Zudem sind viele Frauen - genau wie viele Männer - dem Aufruf Bolsonaros gefolgt, er sei der beste Kandidat um die die allgegenwärtige Korruption effektiv zu bekämpfen. Ein Vorwand, unter dem im letzten Jahrhundert in Lateinamerika viele autoritäre Herrscher an die Macht gekommen sind. Ein Großteil der überzeugten Bolsonaro-Wählerinnen versteht sich zudem selbst als konservativ und von christlichen Werten geprägt. Hier hat die Unterstützung Bolsonaros durch große Teile des organisierten Christentums, vor allem der immer einflussreicher werdenden Evangelikalen, einen großen Beitrag geleistet um die Akzeptanz Bolsonaros auch unter den weiblichen Wählerinnen zu erhöhen.

Simple Lösungen für komplexe Probleme

In vielen Fällen erkennen seine Wählerinnen dabei sogar an, dass Brasilien ein Land ist, das stark durch eine Kultur des ‚Machismo‘ geprägt ist. Die zahllosen Tötungen von Frauen – alle zwei Stunden wird in Brasilien eine Frau ermordet, die Mehrheit davon durch (Ex-)Partner – und eine enorm hohe Anzahl an Vergewaltigungen – Schätzungen gehen von ca. 500.000 Fällen pro Jahr aus – werden sowohl von der #EleNão- Bewegung als auch von den Wählerinnen Bolsonaros als gravierendes Problem anerkannt. Die Ursachen und Lösungen, die sie identifizieren, könnten aber kaum unterschiedlicher sein.

Bolsonaros Antworten auf die komplexen Probleme sind dabei so simpel wie brutal. Statt gesellschaftliche Strukturen zu verändern, werden die Probleme individualisiert. So sollen Vergewaltiger in Zukunft chemisch kastriert werden und um die Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten, solle man einfach den ‚guten Bürgern‘ (cidadãos de bem) die Möglichkeit eröffnen selbst Schusswaffen zu erwerben, um sich gegen die ‚Penner‘ (vagabundos) und ‚Verbrecher‘ (ladrões) zur Wehr zu setzen. Den Feminist*innen der #EleNão-Bewegung wird dabei vorgeworfen, sich nur um genau diese ‚Verbrecher‘ und ‚Minderheiten‘ zu sorgen und nichts für die rechtschaffene ‚Mehrheit‘ der Bevölkerung zu tun.

Der Feminismus als angeblicher Ursprung der Krise

Gleichzeitig ist es der Rechten in Brasilien auch gelungen, Feminismus als moralisch verwerflich darzustellen, da er die Kinder der ‚guten Bürger‘ in der Schule mit seiner ‚Gender-Ideologie‘ angeblich zu Homosexuellen erziehen wolle. Die Wahrnehmung der #EleNão-Proteste wurde zudem durch skandalisierte Bilder barbusiger, achselbehaarter Feministinnen bestimmt. Diese waren oft gefälscht, stammten von anderen Protesten oder wurden digital bearbeitet. Für einen großen Teil der Bevölkerung waren diese feministischen Demonstrationen damit lediglich ‚laute‘ und ‚dreckige‘ Proteste von ‚Pennern‘, Verteidiger*innen des politisch korrekten Mainstreams, die sich gegen die (notwendige) Veränderung des Landes stellen. Bolsonaro wurde so, auch durch diese auf ihn fokussierten Proteste, zum Anti-Establishment Kandidaten verklärt, der die ordentlichen ‚guten Bürger‘, die Mehrheit der Bevölkerung, endlich wieder zum Zentrum der Politik machen würde.

Symbolisiert wird die rechte Deutung dieser Proteste durch einen Tweet von Jair Bolsonaros Sohn Eduardo, in dem er erklärt, dass rechte Frauen viel schöner und hygienischer seien als die Linken, da sie auf der Straße nicht ihre Brüste zeigten um zu protestieren. Die Wiederherstellung (vermeintlich) traditioneller Geschlechterrollen, Familien- und Gesellschaftsstrukturen trage nach dieser Erzählung dazu bei, dass Brasilien wieder erfolgreich werden und Ordnung und Sicherheit in das Land zurückkehren würden. So hat es die Kampagne von Bolsonaro geschafft, sozio-ökonomische Ängste um die eigene Zukunft moralisch aufzuladen und den langsam lauter werdenden Feminismus in der brasilianischen Zivilgesellschaft als eine der Ursachen der ökonomischen und politischen Krise der letzten Jahre darzustellen. 

(c) Marno Mondek
Alles, nur nicht ihn: Die starke Fokussierung der Proteste auf Bolsonaro hatte auch negative Auswirkungen

Solidaritäten und Zersplitterung

Dabei wurde von Seiten der #EleNão-Bewegung unterschätzt, dass patriarchale Strukturen nicht nur durch die Geschlechtszugehörigkeit bestimmt werden, sondern im Zusammenspiel mit anderen Strukturen der Macht organisiert sind, sodass viele weiße Frauen der Mittel- und Oberschicht und aus den reichen Regionen des Landes durchaus von ihnen profitieren. Viele entschieden sich eher für die Solidarität mit ihrer sozialen Klasse als für die Solidarität mit anderen Frauen, sodass gut ausgebildete Frauen mit einem mittleren oder hohen Einkommen mit großer Mehrheit für Bolsonaro stimmten.

Nach der Wahl Bolsonaros bedankten sich zudem viele rechte Kommentator*innen im Nachhinein ausdrücklich für die (unfreiwillige) Unterstützung durch die Proteste, die, laut ihnen, mit dafür gesorgt haben, dass Bolsonaro so deutlich gewinnen konnte, indem sie den öffentlichen Diskurs weiter auf ihn fokussierten. Alles was die Kampagne um Bolsonaro an diesem Punkt machen musste, war die Wahrnehmung der #EleNão-Proteste in ihrem Sinne durchzusetzen, was ihnen vor allem durch den gezielten Einsatz von Fake News in den sozialen Medien gelungen ist.

Im Gegensatz dazu wurde in der Facebook-Gruppe ‚Mulheres Unidas Contra Bolsonaro’ ausdrücklich untersagt, für ein*e Kandidat*in Werbung zu machen. Auch wenn viele Mitglieder der Gruppe versucht haben, trotz dieser Vorgaben Werbung für die* eigene* Kandidat*in zu machen, blieb die Linie der Moderatorinnen und Organisatorinnen bis zuletzt klar. Sie betonten durchgängig, dass die Gruppe sowohl demographisch als auch politisch sehr heterogen sei, und dass diese Diversität um jeden Preis respektiert werden sollte. In der Praxis bedeutete dies, dass tiefer gehende politische Debatten aktiv verhindert wurden. Das einzige legitime Anliegen war gegen Bolsonaro zu sein. Für was oder wen die über 3 Millionen Frauen aber sonst stimmen sollten, durfte in diesem Rahmen, nicht diskutiert werden. 

Fokus auf eigene Gesellschaftsentwürfe

Die Strategie der #EleNão-Bewegung, sich selbst sowohl durch Kritik auf Bolsonaro wie auch als weibliche Bewegung zu definieren anstatt durch einen positiven Bezug auf alternative politische Projekte, hat genau hier ihre Schwächen offenbart. Infolgedessen machten viele der Frauen ihre Stimme ungültig, während sich die restlichen Stimmen auf mehrere Kandidat*innen verteilten. Dahingegen konnte Bolsonaro, auch durch die Wirkung der Proteste und ihrer Diffamierung in den sozialen Medien, den größten Teil der Proteststimmen der konservativen Wählerinnen auf sich vereinen.

Vor diesem Hintergrund sollte die Zivilgesellschaft aber keinesfalls den feministischen Widerstand gegen Bolsonaro unterlassen oder sich auf Grund rechter Deutungsmuster seinen Logiken unterwerfen. Vielmehr kann eine Chance darin liegen eigene, positive Gesellschaftsentwürfe in das Zentrum des Aktivismus zu stellen. Konkrete Vorschläge für die Verbesserung des Lebens der Bevölkerung, die sich beispielsweise auch schon in dem offiziellen Manifest der Facebook-Gruppe finden, die aber weder in der medialen Berichterstattung noch bei den Protesten selbst im Mittelpunkt standen. So könnte sich das enorme Potential der Bewegung in eine Kraft wandeln, welche die politische Landschaft Brasiliens nachhaltig verändert und sich den Rückschritten im Land wirkungsvoll in den Weg stellt. 

 

Isadora Paiva hat Internationale Beziehungen (BA) und Soziologie (MA) an der UFRGS in Porto Alegre studiert. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Feminismus, Männlichkeit, Rechtspopulismus und der Bedeutung von Kultur. Momentan arbeitet sie bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Eschborn.

Lucas Schucht hat Politik (BA) und Soziologie (MA) in Würzburg und Frankfurt am Main studiert. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Feminismus, Intersektionalität, Kolonialismus und der Bedeutung von Diskursen. Momentan arbeitet er am Cornelia Goethe Centrum für Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt.