Die Entfernung , die uns trennt

Die Wunden, die niemand sah

 

 

 

 

„Mein Vater war ein uniformierter Schurke.

Seine Uniform war seine Kruste.

Darunter lagen die Wunden, die niemand sah, die er nie zeigte.“ 

Von Gastón del Solar Falen 

 

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war schon immer besonders. Die Konflikte, die daraus entstehen, haben viel Stoff für die Literatur gegeben. Der Autor dieses Buches ist der renommierte Schriftsteller und Journalist aus Peru Renato Cisneros. Sein Vater war seinerzeit nicht minder bekannt. Er war einer der einflussreichsten Generäle der peruanischen Militärdiktatur des späten 20. Jahrhunderts. Bekannt für seine politischen Aspirationen und mit persönlichen Beziehungen zu den Hardlinern Pinochet und Videla.

 

Renato Cisneros wurde als fünftes Kind aus einer zweiten Ehe geboren. Sein Vater machte zahlreiche Vorschriften und wollte bestimmen, wie sein Sohn zu leben habe. Der Urgroßvater war Dichter. Der Großvater war Journalist. Beide wählten den Weg des Intellektuellen. Wie in Franz Kafkas Werk „Brief an den Vater“, fühlte sich der Autor von seinem Vater zunehmend unterdrückt. Die traditionelle und strenge Erziehung wird noch gesteigert, als der Sohn einen anderen Weg einschlägt als den des Vaters.

 

Das Buch handelt davon, wie der Autor die wahre Geschichte des eigenen Vaters ausgräbt und wie er dadurch die Auflösung der konfliktreichen Beziehung zu seinem Vater findet. Alles begann mit einer Beziehungskrise, als der Autor letztendlich zum Psychologen ging und die Gründe für die gescheiterte Beziehung hinterfragt wurden. Dort erfuhr er, dass seine übertriebene Eifersucht und die Depressionen womöglich in der eigenen Familiengeschichte wurzelten. Nach tieferen Überlegungen verstand er, dass die Ehe der eigenen Eltern nicht so heil war wie ursprünglich angenommen.

 

Überrannt von Fragen, realisierte der Autor, dass er kaum Konkretes über das Leben seiner Eltern wusste. So begann die Suche. Als er dann Freunde und Familie nach Details fragte, erfuhr er „Wahrheiten“, die ihm nicht bekannt waren. Die Figur des Vaters war bisher unantastbar. Mit den neuen Erkenntnissen rekonstruierte der Autor dessen verschwiegene Vergangenheit. Von gesundheitlichen Schwächen in der Kindheit, über eine gescheiterte Karriere im Ausland. Der so harte Mann war doch verletzlich. Die offizielle Geschichte der Familie war offenbar zu ungenau. Viele Themen wurden, wie so üblich in Lateinamerika, einfach tabuisiert. Doch der berüchtigte Vater hütete noch ein ganz anderes Geheimnis. Ihm war die große Liebe seiner Jugend verwehrt worden. Dass die eigene Mutter nicht die erste Frau des Vaters war, war schon bekannt.

 

Aber, dass eine Frau aus seiner Jugend ihn noch um den Verstand brachte, hatte der Autor nicht erwartet zu finden. Das Buch ist eine vorsichtige Suche nach dem wahren Kern des Vaters. Auf dieser Reise entdeckt der Autor eine Persönlichkeit des Vaters, die ihm bisher unbekannt war, und die auch seine eigene Persönlichkeit bestimmt hat. Cisneros bleibt weit davon entfernt, eine Abrechnung mit der Vaterfigur zu betreiben. Es ist eher eine kritische Auseinandersetzung mit der familiären Vergangenheit. Diese Auseinandersetzung, die der Autor schildert, führt dazu, die eigene Gegenwart als Resultat des Lebens der vorangegangenen Generationen zu verstehen.

 

Das Buch ist fesselnd und oszilliert zwischen Distanz bei der Darstellung von Ereignissen, und Nähe in Reflexionen und fiktiven Gesprächen mit dem Vater. Renato Cisneros gelingt es, ein Bild des Vaters zu zeichnen, das eine persönliche Wahrheit birgt, die selbst dem Sohn unbekannt war.

Renato Cisneros

Die Entfernung, die uns trennt

2019 Secession Verlag

383 Seiten

€ 24,-