nach dem beben

Die Malerei von Teresa Velásquez

In kurzen Worten läßt sich ein so komplexes Werk wie das der Malerin Teresa Velázquez kaum beschreiben, daher soll hier nur summarisch der Versuch einer Charakterisierung ihrer Arbeit gemacht werden. 

von Adolphe Lechtenberg

Tlalocan; 112.5 ✕ 177 cm; Öl und Farbstift auf Holz; 2006 ©Teresa Velázquez
Tlalocan; 112.5 ✕ 177 cm; Öl und Farbstift auf Holz; 2006 ©Teresa Velázquez

Teresa Velázquez wurde 1962 in Ciudad de México geboren, wo sie heute noch lebt. 1985 begann sie das Fach Zeichnung bei Gilberto Aceves Navarro zu studieren, vier Jahre später schrieb sie sich in den ersten Taller de Producción von Professor Ignacio Salazar ein. Dort studierte sie Malerei bis 1991, um von da an eine nicht mehr abreißende Kette von nationalen und internationalen Gruppen-und Einzelausstellungen zu beginnen. Ihre Bilder sind heute in bedeutenden Museen vertreten, wie dem Museo de Arte Moderno, dem Museo de Arte Carrillo Gil, beide in Ciudad de México, Museo de Arte Abstracto Manuel Felguérez in Zacatecas, Museo de Arte Contemporáneo in Oaxaca, um selektiv nur einige Orte zu nennen. 

 

2013 nahm sie teil an der deutsch-mexikanischen Ausstellung „Mex.De.13“ in der Galerie und Buchhandlung Alfred Böttger in Bonn, 2021 präsentierte sie ihre Werke in der Galerie Aldama Fine Arts. Und kürzlich publizierte der Kunsthistoriker Luis Martín Lozano im Verlag Fauna ein umfangreiches Buch mit dem Titel „Teresa Velázquez“, welches einen umfassenden und interdisziplinären Einblick in ihre Arbeit vermittelt. 

 

Es sei noch auf ein tragisches Ereignis im Leben und Werk der Malerin hingewiesen. Bei dem großen Erdbeben von 2017 in Ciudad de México stürzte ein Gebäude ein, in dem sich eine große Anzahl ihrer Bilder in einer privaten Sammlung befand. Teresa Velázquez hatte die Kraft, Fragmente der Bilder aus den Trümmern zu retten und mit ihnen 2018 unter dem Titel „Desastres artificiales“ eine Ausstellung in der Galerie Baga 06 in Ciudad de México zu realisieren. Selbst in den teilweise stark beschädigten Bildern ließ sich noch die Energie spüren, mit der sie gearbeitet waren. 

 

Um die Jahreswende 2006/2007 hatte sie im Museo de Arte Moderno eine Ausstellung mit dem Titel „Cada Trazo“, zu Deutsch: jeder Strich. Diese beiden Worte geben schon einen deutlichen Hinweis auf ihre Arbeitsweise. 

 

Nach einer ersten vorbereitenden Phase unter Einbeziehung von Fotografie und Digitalisation beginnt die malerische Arbeit, bei der durch minutiöses Vorgehen von Pinselstrich zu Pinselstrich ihre Bilduniversen entstehen. Keiner dieser Pinselstriche ist überflüssig. Es gibt keine Sinnlosigkeit, keine Verschwendung malerischer Gesten. Eine hochgradig differenzierte Farbigkeit bringt durch Kontraste die Bildfläche zum Schwingen, erzeugt Bewegung, gibt Leben. Intensität im Detail macht den Reichtum des Ganzen aus. Auch in der thematischen Bearbeitung findet diese malerische Energie ihre Entsprechung. Es gibt einen ganzen Zyklus von Bildern zu Goethes „Faust“, eine malerische Reflexion über ein Bild von Willem Claesz Heda, Bildreihen zu den „Symbolen des Seins“, die wir in den Philosophien der Welt finden. 

 

 

Lugar en el centro del paisaje; 131 ✕ 175.7 cm; Öl auf Holz; 2006 ©Teresa Velázquez
Lugar en el centro del paisaje; 131 ✕ 175.7 cm; Öl auf Holz; 2006 ©Teresa Velázquez

Es ist eine intelligente Malerei, geprägt von subtiler Eindringlichkeit, bei der man nie müde wird, die Bilder anzuschauen. Letztlich ist es das, was die Substanz großer Kunst ausmacht. 

 

Teresa Velázquez hat einen Brückenschlag geschaffen zwischen den Kulturen der Welt: durch ihre Untersuchungen der Philosophien Europas, Asiens und Amerikas und deren Geschichte bis hin zu etwas, das ich „Archetypen unserer Gegenwart“ nennen möchte. Ihre Bilder, von großer Symbolkraft, sind eine Reflexion über das Sein - das Wirken und Werden der Menschen - über das Kleine, das Detail in der Struktur des Großen. 

 

 

Philosophie bildet immer Modelle für die soziale und politische Ordnung des Zusammenlebens. Dieser Einsicht folgend, verknüpft sich ihre Reflexion über das eigene Sein mit dem Nachdenken über das Weltgeschehen. Dieses Bewusstsein überträgt Velázquez auch in ihre Arbeiten. Sowohl künstlerisch als auch intellektuell wird das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Umgebung deutlich. In einer immer oberflächlicher werdenden kontemporären Kultur, die überwiegend durch Unterhaltsamkeit und schrille, äußerliche Effekte wirken will, setzt sie einen mutigen, sehr eigenständigen Kontrapunkt, durch seriöse und dabei immer lebendige Reflexion. Ihre bildnerische Forschungstätigkeit hat sie von der Abstraktion zu hyperrealistischen Bildern geführ. Dabei kann man keineswegs von Diskontinuität sprechen, sondern vielmehr von einer Folgerichtigkeit in einem konsequenten Werk. 

Bei dem großen Erdbeben von 2017 stürzte ein Gebäude ein, in dem sich eine große Anzahl ihrer Bilder in einer privaten Sammlung befand. Teresa Velázquez hatte die Kraft, Fragmente der Bilder aus den Trümmern zu retten und mit ihnen 2018 eine Ausstellung in einer Galerie in Ciudad de México zu realisieren. (Fotos: Adolphe Lechtenberg)

Adolphe Lechtenberg ist Bildender Künstler, Maler. Er hat an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Schwegler, Beuys und Heerich studiert. Seit Beginn der achtziger Jahre umfangreiche internationale Ausstellungstätigkeit. Er lebt in Deutschland und Mexiko.