Rezension

Die Prinzessin Primavera (César Aira)

Kriegsstrategie Abwarten und Tee trinken

von Nora Schramm

Eine spießbürgerliche Prinzessin, ein lebendiger Plastiktannenbaum, sprechendes Speiseeis, ein schiffbrüchiger Lebenskünstler, ein blindes Schaf und die Leiche eines berühmten Pianisten. Exzentrische Figuren und die Banalität des Alltags inmitten der Absurdität des Krieges sind der

Stoff für das neue Werk von César Aira: Die Prinzessin Primavera reiht sich ein in die über 100 Zeugnisse der nicht abreißenden Produktivität des Argentiniers. Matthes & Seitz widmet ihm nun die Bibliothek César Aira, in deren Rahmen bereits sieben seiner Werke ins Deutsche übersetzt und verlegt wurden. Wieder einmal macht sich Aira auf wenigen Seiten die Welt, wie sie ihm gefällt: unvorhersehbar, fantasievoll und absurd. Wie kaum ein anderer genießt er, fast schamlos, die Möglichkeiten der Fiktion. Airas Geschichten gleichen Experimenten – geschrieben von einem Autor, der seine Plots nicht plant und sich selbst genauso zu überraschen scheint, wie seine Figuren und Leserschaft.

Ort der Handlung ist eine tropische, spärlich besiedelte Insel vor Panama. Dort lebt Prinzessin Primavera, auch Fräulein Frühling genannt, in ihrem geregelt harmonischen Kosmos. Sie ist keine Prinzessin im klassischen Sinne, ist ihr Schloss doch wenig prunkvoll, ihr Hofstaat klein und ihre Arbeit gleicht kaum der einer Regentin: Fräulein Frühling verdient sich ihr Auskommen als Übersetzerin seichter Prosa für panamaische Piratenverlage. Auf dem Gebiet der Zufriedenheit, der Freude am Alltäglichen, ist sie jedoch unangefochtene Königin, stets umgeben vom unschuldigen Schimmer jener Weisheit, die nur denen zu eigen ist, die nichts von ihr ahnen.

Die idyllische Routine wird gestört, als ein Kriegsschiff seinen Anker vor der Küste wirft: General Winter will die Insel überfallen und schickt seinen Handlanger Weihnachtsbäumchen (tatsächlich eine wandelnde Plastiktanne) vor, um den großen Angriff vorzubereiten. Plötzlich wird High-Tech-Kriegsgerät installiert und Soldaten schlagen ich durch das tropische Dickicht der Insel. Das Aufeinanderprallen der Welten könnte drastischer nicht sein. Mit dem Rücken zur Wand schmieden die Figuren Pläne, wie mit der Situation umzugehen sei, jeweils auf den eigenen Vorteil bedacht. Die Fokalisierung wechselt zwischen den Charakteren, wodurch die Leserschaft allerlei Unerwartetes aus dem Nähkästchen eines jeden erfährt. Alle sind sie in gewisser Weise repräsentativ, überraschen aber dennoch mit herrlich überzeichneten Details und fabelhaften Geschichten.

In bildhafter, aber klarer Sprache knüpft Aira ein Märchen, zeitweise ironisch, dann von philosophischer Rastlosigkeit, bald mit scheinbar zufällig hervorblitzender Gesellschaftskritik. Als LeserIn kann man kaum widerstehen, das Gesamte als eine Parabel auf die Welt zu deuten und unablässig nach deren Bedeutung zu fahnden: Wofür steht Prinzessin Primavera, dieses sagenumwobene, widersprüchliche Wesen? Wofür der Kampf zwischen Frühling und Winter? Schiere Verzweiflung beim Versuch, das sprechende Speiseeis zu deuten. Inwiefern die Allegorien schlüssig sind, sei dahingestellt - Spaß machen sie allemal.

Klar ist, dass Aira mit seiner neuen Novelle eine Ode an den Pazifismus, die Unbeschwertheit und Genügsamkeit geschrieben hat; Abwarten und Tee trinken als Kriegsstrategie.

„Es war eine Teegesellschaft unter freiem Himmel. Angesichts der gefährlichen Umstände schien das die am wenigsten ratsame Beschäftigung für die Palastbewohner, aber wenn er bis jetzt noch keinerlei Vorbereitung zur Verteidigung gesehen hatte, musste diese von größter Wichtigkeit sein, und Tee zu trinken im kühlen Schatten der Bäume, während der Feind außen herum Raketenbasen baute, schien das Wichtigste von allem.“

Die Prinzessin Primavera ist leichtfüßig, wie ein Spaziergang, ohne die Lesenden ahnen zu lassen, was sie hinter der nächsten Wegbiegung erwartet, schlendern sie durch die Geschichte – und diese macht viele Biegungen, querfeldein, durchs Dickicht der ausschweifenden, unaufhaltsamen Fantasie, ganz ohne Beschilderung und dennoch in der Gewissheit, dass nichts passieren kann. Die heile, paradiesische Welt wird zwar angegriffen, aber sie scheint doch viel zu hilflos, zu kindlich, zu unschuldig, um ernsthaft bedroht zu sein.

Obwohl die Erzählung so grenzenlos agiert und dabei suggeriert, alles sei möglich, schafft sie eines nicht: eine vor allem im märchenhaften Kontext unbedingt notwendige Auflösung der Geschlechterstereotype. Prinzessin bleibt Prinzessin, auch bei César Aira. Zart, hysterisch und hilflos den männlichen Akteuren ausgeliefert, wird sie von einem Held gerettet, der sie ohne ihre feenhafte Schönheit wohl im Stich gelassen hätte. Wer darüber hinwegsehen kann, findet in Die Prinzessin Primavera eine reiche, erfrischend seltsame Lektüre – ein Schmunzeln auf Papier.

 

César Aira

Die Prinzessin Primavera

Aus dem Spanischen von Christian

Hansen

2017

Matthes & Seitz Berlin

122 Seiten

€ 18,00


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