Energiewenden in den Kinderschuhen

Lateinamerika zwischen Aufbruchsstimmung und fossilen Eliten

Lateinamerika wird hinsichtlich erneuerbarer Energien ein riesiges Potenzial bescheinigt. Die natürlichen und geothermischen Gegebenheiten prädestinieren den Subkontinent für eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die globale Erderwärmung. Doch alte Machtstrukturen, Abhängigkeiten von fossilen Eliten und sozio-politische Konflikte erschweren den Weg zu einer klimafreundlichen Energiepolitik.

von Christian Denzin

 

Mit der Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele und des Pariser Klima-Abkommens im Jahr 2015 konnte die Weltgemeinschaft wichtige Grundsteine für die Transformation der globalen Wirtschaft hin zu kohlenstoffarmen und ressourcenschonenden Wirtschaftssystemen legen. Nichtsdestotrotz müssen die Unterzeichnerstaaten – entsprechend ihrer unterschiedlichen Ausgangssituation – ihre Ambitionen zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2030 deutlich erhöhen, wollen sie das Ziel eines maximalen Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur um 2°C bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erreichen. Denn: Die Lücke zwischen der für die Erreichung des 2°C-Ziels notwendigen Einsparung auf der einen und den nationalen Reduktionszielen auf der anderen Seite, ist immer noch groß. Die Länder Lateinamerikas, die allesamt – mit Ausnahme Kolumbiens – das Paris-Abkommen ratifiziert haben, werden dabei mit großen Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen konfrontiert.

 

Fossile Energien und die Herausforderungen des Klimawandels in Lateinamerika

 

Lateinamerika gehört zu den vulnerabelsten Regionen weltweit: Ein Anstieg der Durchschnittstemperatur von mehr als 2°C kann einerseits die verschiedenen Ökosysteme - wie etwa Küsten, Regenwälder und Gletscher - massiv aus dem Gleichgewicht bringen, die hohe Biodiversität gefährden und infolgedessen auch die ohnehin schon eklatanten sozialen Ungleichheiten verstärken. Andererseits sind fossile Energien ein wesentlicher Bestandteil der lateinamerikanischen Volkswirtschaften.

 

Echte Fortschritte auf dem Weg zur Entkoppelung von Wachstum und Energieverbrauch in Lateinamerika lassen entsprechend der weltweiten Entwicklung noch immer auf sich warten. Seit den 1970er Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt im Gleichschritt mit dem Energieverbrauch entwickelt. Dabei spielen die fossilen Energien eine tragende Rolle: So deckten Erdöl (45,9%), Gas (23,4%) und Kohle (5%) zusammen im Jahr 2013 knapp drei Viertel des Primärenergiebedarfs in der Region ab, wobei Gas in Ländern wie Mexiko als vermeintlich saubere Alternative zu Erdöl und Kohle eine immer wichtigere Bedeutung beigemessen wird.

 

Brasilien und Mexiko sind beispielsweise die mit Abstand größten Energiekonsumenten, gefolgt von Argentinien, Venezuela, Chile und Kolumbien. Beide Länder zusammen vereinen ca. 57 Prozent des Energieverbrauchs der Region auf sich und belegen regelmäßig die Plätze 12 und 13 auf der Liste der weltweit größten CO2-Emittenten. Zwar trägt das rohstoffreiche Lateinamerika laut des Global Carbon Atlas 2015 dreimal weniger zum globalen CO2-Ausstoß bei als die USA, doch wird der Energieverbrauch laut der Interamerikanischen Entwicklungsbank bis 2040 um mehr als 80 Prozent steigen. Um die in Paris verabschiedeten Klimaziele zu erreichen, müssen also vor allem die sechs größten Volkswirtschaften der Region – Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Venezuela – ihre Ambitionen in Sachen Klimaschutz deutlich erhöhen. Dabei haben der Transportsektor (34,3%) und die Industrie (33,2%) den mit Abstand größten Anteil am Energieverbrauch der Region, während der Endverbrauch im Wohnungssektor nur halb so hoch ausfällt.

 

Wirtschaftliche und fiskalische Abhängigkeiten

 

Die Ausbeutung von fossilen Energieträgern spielt allerdings nicht nur für den eigenen Konsum eine entscheidende Rolle. So gehen knapp 50 Prozent des in der Region geförderten Erdöls in den Export. Gemeinsam mit anderen, nicht erneuerbaren Rohstoffen, sind sie eine wichtige Einnahmequelle für die nationalen Staatshaushalte – von Feuerland bis zum Rio Grande. So hat der freie Fall des Erdölpreises auf den Weltmärkten in den letzten Jahren nicht nur die politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela verschärft, sondern führte auch in Mexiko zu drastischen Haushaltskürzungen von ca. 30 Prozent durch Einnahmeausfälle im staatlichen Ölkonzern Petróleos Mexicanos (PEMEX). Lateinamerikas Energiewirtschaft ist geprägt von zentralisierten Strukturen und einer hohen Konzentration des Eigentums, nicht ausschließlich, aber häufig in Form von korruptionsanfälligen und ineffizienten Staatsfirmen. Energiesubventionen für die reichsten 20 Prozent.

 

Obwohl hohe Subventionen von Strom, Gas und Benzin ein wesentlicher Bestandteil der Energiepolitiken in Lateinamerika sind, fallen Umverteilungseffekte und Armutsreduzierung durch eine gezielte staatliche Förderung gering aus. Im Gegenteil, die Energiesubventionen in Lateinamerika sind häufig ineffizient, regressiv und ungerecht. Im Transportsektor und im Stromsektor kommen die Subventionen vor allem den obersten 20 Prozent der Region zugute und befördern einen Lebensstil, der die urbanen Räume ob ihrer Luftverschmutzung oder der Stauproblematik an ihre Grenzen bringt und gleichzeitig die soziale Spaltung verschärft. So bescheinigt die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika den meisten Ländern der Region eine geringe Sensibilität für die Zusammenhänge von Armut, Energieverbrauch und Nachhaltigkeit. Obwohl laut offiziellen Statistiken über 96 Prozent der Einwohner der Region Zugang zu Elektrizität haben, können trotz hoher Energiesubventionen nicht alle ihren absoluten Energiebedarf decken. So sind in Mexiko etwa 37 Prozent der Haushalte von Energiearmut betroffen.

 

Soziale Konflikte und schwache Staatlichkeit

 

Im Kontext schwacher staatlicher Institutionen und laxer Regulierungen birgt der Energiesektor ein großes Konfliktpotenzial. Denn sowohl beim Abbau fossiler Rohstoffe als auch bei Staudammprojekten zur Produktion von Wasserkraft, sind Umweltschäden, soziale und ökonomische Konflikte und mitunter Menschenrechtsverletzungen in den betroffenen Gebieten keine Seltenheit. Gleichwohl wird etwa das heiß umstrittene Fracking besonders in Ländern mit großem Gasvorkommen wie Argentinien, Mexiko, Brasilien und Chile vorangetrieben und mitunter von staatlicher Hand subventioniert. Eine wachsende Zahl von sozialen Bewegungen, die sich gegen Energie-Großprojekte aller Art wenden, ist zudem Ausdruck des Konfliktpotenzials in den Energiesektoren und spiegelt die mangelnde demokratische Teilhabe in den betroffenen Territorien wieder.

 

Energiewenden in den Kinderschuhen – das Potenzial von Erneuerbaren Energien in Lateinamerika

 

Dabei könnte Lateinamerika in mehrerlei Hinsicht von einer Energietransition hin zu Erneuerbaren Energien profitieren. Schon jetzt verfügt der Subkontinent über die sauberste Stromproduktion der Welt. Mit einem Anteil von Erneuerbaren Energien von 52,4 Prozent, die vor allem auf den hohen Anteil an Strom aus der wegen großen Staudammprojekten umstrittenen Wasserkraft zurückzuführen sind, erreicht die Region einen mehr als doppelt so hohen Wert als der globale Durchschnitt. Brasilien hat daran mit 14,2 Prozent einen wesentlichen Anteil. Zwar sind andere Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie in der Region von 2000 bis 2013 um jährlich 36,6 Prozent (Wind) bzw. 15.1 Prozent (Solar) gewachsen. Zudem wurden 2014 erstmals mehr neue Kapazitäten in der Stromproduktion im Wind- als im Kohlebereich geschaffen. Trotzdem: Der Anteil von Wind- und Solarenergie an der gesamten Stromproduktion ist mit 0,92 Prozent noch immer verschwindend gering. Doch Lateinamerikas Potenzial im Feld der Erneuerbaren Energien ist riesig. So bescheinigt das IPCC in seinem Sonderbericht allein Süd- und Zentralamerika ohne Mexiko ein Potenzial von Erneuerbaren Energien bis 2050, das 22 Mal den aktuellen Primärenergiebedarf der Region decken könnte. Angesichts dessen überrascht es nicht, dass die Investitionen in Erneuerbare Energien, allen voran in Wind- und Solarenergie, in die Höhe geschnellt sind. So flossen 2014 und 2015 jährlich mehr als 20 Milliarden US-Dollar in Projekte in der ganzen Region, hauptsächlich aber nach Brasilien, Mexiko, Chile und Uruguay.

 

Die Förderung der EE durch gesetzliche Anpassungen

 

Außerdem werden die Gesetzgebungen in den Ländern langsam angepasst. Mit dem Paris-Abkommen hat sich der Druck erhöht, nationale Mechanismen und Gesetze hinsichtlich des Ausbaus von Erneuerbaren Energien voranzubringen. Energieauktionen sind dabei ein beliebtes Mittel zur Vergabe von Produktionskapazitäten. Mittlerweile haben neben Brasilien und Mexiko elf weitere Länder Auktionen und Angebotsverfahren für Erneuerbare Energien etabliert. Auch die Einspeisung und Verrechnung von selbst erzeugtem Strom durch private Solar- und Windanlagen, das sogenannte net metering, sind auf dem Vormarsch – vor allem in der Karibik und Zentralamerika, aber auch in Brasilien, Chile und Uruguay. Während verschiedene Mechanismen zu Einspeisevergütungen in Argentinien, der Dominikanischen Republik, Honduras, Nicaragua, Panama und Uruguay, zwar existieren, gibt es lediglich in Chile eine gesetzlich festgelegte Zielmarke von 20 Prozent der Stromerzeugung durch Erneuerbare Energien, die bis 2025 erreicht sein muss. Viel weiter sind da schon kleine Länder wie Costa Rica und Uruguay. Costa Rica schaffte es im Jahr 2015 beispielsweise, die Stromversorgung mit 100 Prozent Erneuerbaren über einen Zeitraum von 75 Tagen aufrechtzuerhalten.

 

Die politische Ökonomie

 

Fallende Kosten für Erneuerbare Energien, das Paris-Abkommen und damit einhergehende Anpassungen und Anreize in den nationalen Gesetzgebungen der Länder Lateinamerikas, haben dazu beigetragen, dass die Diversifizierung der Energiesektoren in der Region langsam aber stetig voranschreitet. Gleichwohl stecken die Energiewenden in der Region noch in den Kinderschuhen. Zu groß sind die Interessen der staatlichen und privaten Energiekonzerne, zu zentralisiert die Machtstrukturen und Abhängigkeiten dahinter, um das profitable und für die Staatshaushalte essenzielle Geschäft mit fossilen Energieträgern zugunsten von CO2-Einsparungen zu drosseln. Der Anteil von Wind- und Solarenergie steigt zwar, aber auf einem sehr niedrigen Niveau. Auch sind die Politiken häufig inkohärent und von Widersprüchen geprägt. Während einerseits die erwähnten gesetzlichen Neuerungen den internationalen Verpflichtungen Rechnung tragen, wird etwa das Fracking in Mexiko in hohem Maße subventioniert. Noch immer folgen die nationalen politischen Debatten zur Energiepolitik tradi- tionellen Verteilungsmustern in Rentenökonomien und sind geprägt von einer fossilen Zukunftsvision. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, hinken die bisherigen Klima- und Energiepolitiken in Lateinamerika, dem in Paris getroffenen Ziel einer Dekarbonisierung noch deutlich hinterher.

 

 

Christian Denzin leitet für die Friedrich-Ebert-Stiftung das Regionalprojekt "Proyecto Regional Transformación Social-Ecológica" in Mexiko-Stadt. Das Projekt tritt für eine nachhaltige Klimapolitik und eine sozial-ökologische Energiewende im Raum Lateinamerika und der Karibik ein.

"Der Anteil von Erneuerbaren Energien an der Stromproduktion in Lateinamerika liegt bei 52,4 Prozent. Das liegt auch an umstrittenen Staudamm-Projekten wie dem Wasserkraftwerk Itaipu."

Das Wasserkraftwerk Itaipu an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien.                               © Deni Williams
Das Wasserkraftwerk Itaipu an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien. © Deni Williams

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