Von Asien in die Neue Welt

Kontroverse Debatten um die Besiedlung des amerikanischen Kontinents

Wann und wie, ob zu Land oder im Boot an der Küste entlang der moderne Mensch (homo sapiens sapiens) den Kontinent Amerika besiedelte, ist in der Forschung nach wie vor umstritten. Zwar haben Ergebnisse aus der Archäologie, der Umweltforschung, der Sprachwissenschaft und der Genetik in den vergangenen Jahrzehnten viele Details hervorgebracht, doch ist es gerade die Vielfalt der Artefakte, der Studienergebnisse und der verschiedenen Einwanderungsmöglichkeiten, die mehrere Szenarien denken lassen, von denen einige im Folgenden vorgestellt werden.

von Antje Gunsenheimer

‚Klassische‘ Sichtweise – Die Beringstraße

 

Als ‚Klassiker‘ gilt die Einwanderungsthese über die Beringstraße durch Jäger- und Sammler-Gruppen aus Sibirien während der jüngeren Eiszeit. Bestimmend hierfür waren, neben den Funden von Jagdwaffen und Werkzeugen, die Überlegungen zum Verlauf und den Ausprägungen der ab 124.000 v. Chr. beginnenden letzten großen Eiszeit. Weltweit sanken die Temperaturen, große Gletschermassive bildeten sich und der Meeresspiegel sank erheblich.

 

Der Westen der USA, Kanadas und Alaskas war vom sogenannten Kordilleren-Eisschild bedeckt. Der Osten Nordamerikas verschwand nahezu unter dem Laurentinischen Eisschild. Zwischen den Gletschern, die kaum oder nur unter großen Gefahren passierbar waren, bildete sich in den Flusstälern der eisfreie und begehbare „Alberta-Korridor“, der zwischen 40.000 und 10.000 v. Chr. bis zu 1.200 Kilometer breit war. Der Meeresspiegel an den nordamerikanischen Küsten war um 60 bis 80 Meter tiefer als im Vergleich zu heute, wodurch die Beringstraße als Landbrücke zwischen dem nördlichen Sibirien und dem westlichen Alaska freigegeben war. Aus diesem Bild der Eiszeit entwickelte man die These, dass frühe Jäger und Sammler aus Sibirien den von ihnen gejagten Säugetieren wie Mastodon und Riesenbison über die Landbrücke folgten und auf diese Weise in aufeinander folgenden Etappen nach Nordamerika einwanderten. Funde menschlicher Jagdaktivitäten, wie die berühmte „Folsom“-Speerspitze im Skelett eines Riesenbison, gefunden in der Nähe des Ortes Folsom (New Mexico, USA) oder die nach dem Fundort Clovis (ebenfalls New Mexiko) benannten Projektile, gaben den Forschern Argumente von einer Einwanderung zu Land auszugehen, die aufgrund der klimatischen Verhältnisse ab 40.000 v. Chr. möglich war. Mit dem Ende der Eiszeit (10.000 v. Chr.) stieg der Meeresspiegel wieder an, die Landbrücke wurde überspült und war somit ab ca. 8.000 v. Chr. nicht mehr zugänglich.

 

 

Von Nord nach Süd

 

Zu diesem Einwanderungsmodell gehört ebenfalls die Vorstellung, die Einwanderer seien von Nord nach Süd über Alaska, dann östlich der Rocky Mountains über Flusstäler nach Texas gelangt und von dort nach Zentral- und Südamerika vorgedrungen, bis sie schließlich, theoretisch nach rund 1.000 Jahren, in Feuerland angekommen sein könnten. Gestützt wird dieses Modell durch die aufgefundenen Überreste des Menschen selbst. Zu diesen zählen einige Zähne und Knochen aus Arlington Springs (Kalifornien) mit der ungenauen Datierung von 10.000 bzw. 11.000 v. Chr. Weitere bekannte Funde in Nordamerika sind der sogenannte „Midland Man“ (Texas, ca. 9.500 v. Chr., später als Frau identifiziert) und das „Taber-Kind“ (Alberta, Kanada, 9.500 v. Chr.). Sie sind jedoch nicht deutlich älter als die in Mittel- und Südamerika aufgefundenen Skelettreste, wie zum Beispiel der „Mann von Tepexpan“ (Texcoco-See, Mexiko; 9.000 v. Chr., später ebenfalls als Frau erkannt) oder die Funde aus Paiján (peruanische Küste, ca. 8.200 v. Chr.).

 

Von Süd nach Nord

 

In Frage gestellt wird dieses Modell durch die Funde der von Jägern und Sammlern an Schlachtplätzen und Aufenthaltslagern zurück gelassenen Abfälle in Form von defekten Werkzeugen, Jagdwaffen, Ausrüstungsgegenständen, Behausungen sowie Nahrungsmittelresten. Nach deren Datierungen waren die Einwanderer wohl gleichzeitig in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Südamerika zum Teil auch deutlich früher unterwegs, so der US-amerikanische Archäologe Michael R. Bever. So wurden die am Meadowcroft Rockshelter in Pennsylvania hinterlassenen Klingen, Messer, Lanzenspitzen und Flechtarbeiten auf 17.000 v. Chr. bestimmt, während die Pikimachay-Höhle nördlich der peruanischen Stadt Ayacucho schon um 18.000 v. Chr. von Menschen bewohnt worden sein soll. Studien am Fundort Pedra Furada im brasilianischen Piauí deuten auf eine sehr frühe Besiedlung ab 40.000 v. Chr. hin. Die am Chinchihuapi-Bach in Chile gelegene Siedlung von Monte Verde gilt ab 10.500 v. Chr. als saisonal bewohnt, könnte aber ebenso schon ab 30.000 v. Chr. als zeitweiliger Aufenthaltsort von Jägern und Sammlern benutzt worden sein. Hierauf verweisen bearbeitete Kieselsteine aus Basalt und Andesit, eingestreut in den Resten eines Feuers am gleichen Ort.

Die hier genannten Fundorte können nur einen Ausschnitt der gesamten Funddichte und Vielfalt auf dem amerikanischen Kontinent wiedergeben. In ihrer Gesamtheit legen sie nahe, dass die Binnenländer in der Mitte und im Süden Amerikas vor jenen im Norden besiedelt wurden, was der klassischen These einer sukzessiven Einwanderung von Nord nach Süd widerspricht.

 

Reise über den Ozean

 

Die Vielfalt der aufgefundenen Waffen- und Werkzeugtypen (Steinprojektile, -schaber, -klingen etc.), bei nahezu gleichzeitiger menschlicher Anwesenheit in Norden und Süden, passt jedoch gut ins Bild, wenn man von einer Einwanderung auf dem Seeweg in mehreren aufeinander folgenden Phasen ausgeht. So besagt eine weitere These, dass es sich bei den frühen Einwanderern mitnichten um die Jäger von Landsäugetieren handelte, sondern um solche, die mit ihren Booten auf der Jagd nach Meeressäugetieren an den Küsten entlang zogen. Ebenso erschlossen sie die Küstengebiete und konnten von dort aus an den eisfreien Flussläufen im Süden entlang bis in das Innere des Kontinents vordringen. Laut dem Anthropologen E. James Dixon hätten die Seejäger, im Vergleich zur nordsüdgerichteten Einwanderung über Land, die Westküste des Kontinentes innerhalb von nur zehn bis fünfzehn Jahren erkunden können.  Die Einwanderung von der See her würde zudem bedeuten, dass auch nach dem Ende der Eiszeit die Zuwanderung noch nicht beendet gewesen sein muss, was sich wiederum mit dem Bild der sprachwissenschaftlichen Forschung deckt.

 

Sprachwissenschaftlicher Ansatz

 

Joseph Greenberg hatte hierzu ab 1955 in verschiedenen Studien die These vorgelegt, dass die Sprachenvielfalt auf dem amerikanischen Kontinent auf mehrere Einwanderungsströme hinweise. Mit Hilfe der Glottochronologie, einer umstrittenen Methode zur Datierung von Sprachveränderungen, meinte er drei Sprachidentitäten in Amerika ausmachen zu können: die Amerindische Sprachfamilie (Einwanderung um 11.000 v. Chr.), die Na-Dene-Familie (um 5.000 v. Chr.) und die Eskimo-Aleutische (um 4.000 v. Chr.). Die Datierung der drei Migrationsphasen zeigt die Orientierung seiner Studien an dem eher konservativen Modell, welches die Einwanderung von Sibirien aus, von Norden nach Süden, zeitlich aber erst mit den ältesten nachweislichen Menschenfunden beginnen lässt.

 

Genetische Rekonstruktionsversuche

 

Seit den 1980er Jahren wurden zunehmend genetische Studien verfolgt um die Einwanderungsfrage zu lösen. Im Vordergrund stand hierbei weniger die Frage nach dem Zeitpunkt, sondern nach der Herkunft der Einwanderer, denn neben Sibirien wurden zudem Australien, Papua-Neuguinea, Afrika und Europa als mögliche Herkunftsregionen diskutiert. Die Echtheit der archäologischen Funde hierzu wurde in der Forschung stark angezweifelt. Denn bei frühen Werkzeugen etwa ist oftmals nicht deutlich erkennbar, ob es sich um eine menschliche Bearbeitungsspur oder einen natürlichen Abschliff handelt. Gerade die Möglichkeiten der Molekularbiologie schienen zu Beginn der 1990er Jahre vielversprechend. Jedoch brachten verschiedene Studien auch höchst unterschiedliche Ergebnisse hervor. So wurde von Merriwether (2002), ein Einwanderungsschub diagnostiziert, während andere Forscher zwei, drei, vier oder fünf zu entdecken meinten, indem man die Blutgruppen und die mitochondriale DNA heutiger indigener Amerikaner mit Nordostasiatischen verglich. Inzwischen wurde auch eine sechste Einwanderungsphase entdeckt, wobei der Archäologe Michael K. Faught betont, die unterschiedlichen Ergebnisse beruhten auf den ungleichen Vergleichsparametern (mitochondriale DNA, Y-Chromosomen oder andere Blutgruppenallotypen). Um die Verbreitung prähistorischer Genpools besser verstehen zu können, bedarf es deutlich umfangreicheren Materials. Dies gilt ebenso für die genetische Untersuchung von Skeletten. Hier hatte man insbesondere Schädelfragmente im Blick, die auf eine pazifische Einwanderung schließen ließen, was sich aber im genetischen Abdruck nicht bestätigte. 

Verfolgt man die jüngsten Debatten zum Thema, muss man letztendlich die Einwanderung über Sibirien für die überzeugendste Variante halten, wenn auch nach wie vor der Zeitpunkt und die Form umstritten sind. Dabei wird die Kartographierung der Fundstellen und ihrer Artefakte weiterhin als die aussichtsreichste Methode angesehen, um Richtung, Häufigkeit und Stärke der verschiedenen Einwanderungsphasen zu messen, so Faught. 

 

 

Antje Gunsenheimer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Altamerikanistik der Universität Bonn.

Gestaltung: Charlotte Mauz

„Nach deren Datierungen waren die Einwanderer wohl gleichzeitig in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Südamerika zum Teil auch deutlich früher unterwegs“

Die Fundorte widersprechen der klassischen These einer sukzessiven Einwanderung von Nord nach Süd.




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