Passend zur Jahreszeit und pünktlich zum großen Feiertag des dia de los muertos (Tag der Toten) hat sich das Matices Team auf die Suche nach einem spannenden Artikel rund um die besondere Feierlichkeit gemacht. In unserem neuen Online-Special möchten wir Themen, Feiertage, besondere Anlässe und Geschehnisse rund um Lateinamerika, Spanien und Portugal und in Relation zu aktuellen Ausgaben beleuchtet.

 

Da Mexiko einen zentralen Punkt in unser 29ten Ausgabe Mosaiken in Mexiko eingenommen hat, sind wir mehr als begeistert die aktuelle Feierlichkeit des Tages der Toten in Mexiko mit der damaligen Ausgabe zu verbinden und neu thematisieren zu können. Wir freuen uns allen, die vom Special-Artikel angeregt sind und mehr über Mexiko erfahren möchten, ein Exemplar der 29ten Ausgabe zu verkaufen und nach Hause zu senden. 

El dia de los muertos

In Mexiko feiert man mit den Toten, anstatt um sie zu trauern.

Es ist ein buntes, lautes Fest, schön und traurig zugleich.

Ein Artikel von Sebastian Riemann

Es ist diese Zeit im Jahr, in der sich alles verändert und vom Alltag abhebt. Eine außergewöhnliche Zeit, die man sehen, spüren und auch schmecken kann. Die Luft riecht anders, das Sonnenlicht verströmt einen besonderen Glanz und die Leute tragen andere Gesichter, da sie nicht von früh bis spät ans Geld, an die Arbeit und Verpflichtungen denken. Alles ist leichter, da der übliche Alltag in den Hintergrund tritt. Die kleinen Sorgen und Ärgernisse wiegen nicht mehr so schwer, denn es ist die Zeit gekommen, da die Lebenden und die Toten wieder vereint werden. El dia de los muertos, der Tag der Toten, ist ein Höhepunkt der mexikanischen Kultur und verändert für kurze Zeit das Leben in diesem großen, bunten Land.

 

Seit Wochen schon sieht man in den Fenstern der Restaurants und Geschäfte bunte Figuren hängen, die auf das kommende Ereignis hinweisen. Es sind fröhliche Figuren, sie lachen, singen, tanzen, trinken Tequila und essen gut gefüllte Tacos. Die Frauenfiguren tragen oft ein Kleid, dazu leuchtend rote Blumen und einen großen Hut. Die Männerfiguren gerne einen Zylinder und frisch polierte Schuhe. Sie bestehen nur aus Knochen und einem Mund voller weißer Zähne, sehen trotzdem gut aus und verstehen es, Spaß zu haben. Diese gut gelaunten Skelette feiern den Tod und das Leben zugleich. Dadurch sind sie die Personifizierung des anstehenden Feiertags, der Idee von der Verschmelzung der beiden Welten. Man hängt sie als Ausschmückung in die Fenster, so wie man andernorts Weihnachtsfiguren oder Tannenbaumzweige im Dezember aufhängt. Sie stimmen ein, auf das kommende Fest.

 

In den Supermärkten tritt der Tag der Toten auch rechtzeitig in Erscheinung, um konsumiert zu werden. Es werden allerhand Accessoires und Geschenke zur Feier angeboten, aber auch Bierflaschen und Kekspackungen mit Skelettmotiven. Die Leute kaufen Totenköpfe aus Zucker, Dutzende Kerzen mit dem Bildnis der Jungfrau von Guadalupe und viele Blumen, mit denen sie die Gräber schmücken. Die Bäckereien bieten das pan de muerto an, das Brot des Toten. Eine süße Spezialität, die es nur zu diesem Feiertag gibt und die dem Geschehen einen besonderen Geschmack verleiht. Ein Schädel und vier Knochen bilden die Verzierung für dieses zuckerhaltige Gebäck mit Orangenaroma.

 

Das wichtigste Detail der Ausschmückungen sind jedoch die Cempasúchil  Blumen, die auch als Blumen der Toten bezeichnet werden. Nicht nur in den Blumenläden werden große Mengen davon angeboten, sondern auch auf der Straße. Bauern parken ihre Pick-ups am Rande der Wochenmärkte oder schlichtweg an den gut befahrenen Kreuzungen, dort wo man sie leicht sehen kann. Von den Ladeflächen ihrer Lieferwagen verkaufen sie die Blumen direkt an die Laufkundschaft, die in der Regel so viel kauft, wie sie tragen oder in den Kofferraum des Autos stopfen kann. Denn die Blumen der Toten werden großzügig verwendet, man stellt sie nicht in Form eines kleinen Straußes in eine Vase, sondern verteilt große Mengen der feurig orangenen Blumen auf den Gräbern der Verstorbenen, so dass die trockene Erde nicht mehr zu sehen ist. Die Cempasúchil Blumen prägen das Bild der Friedhöfe, sie geben dem Tag der Toten die nötige Farbe und den einzigartigen Duft. Das Ganze ist ein Volksfest, dem man nicht entgehen kann. Überall sind die fröhlichen Skelette, die Backwaren und Blumen zu sehen und erinnern an die Außergewöhnlichkeit der anstehenden Tage. Die Stimmung ist anders in dieser Zeit, die Straßen werden geschmückt und jedermann trifft Vorbereitungen für die Feierlichkeiten. Es ist ein allgegenwärtiges Fest, das bunt, laut und lecker ist.

 

Am 2. November ist es dann soweit, die Lebenden beladen sich mit Sträußen und Gaben, betreten die Friedhöfe und finden sich an den Gräbern der Verstorbenen ein. Die sonst ruhigen Andachtsstätten verwandeln sich binnen weniger Stunden in farbenprächtige Familienfeiern. Sowohl die einfachen Gräber als auch die aufwendigen Mausoleen mit Säulen und Engelsfiguren werden mit reichlich Blumen geschmückt und derart aus ihrer eintönigen Ruhe geholt. Rote und weiße Tupfer mischen sich in das Meer der orangenen Cempasúchil, Rosen, Lilien und Orchideen, je nach Geschmack der Verstorbenen. Kerzen werden angezündet und zwischen die Blumen gestellt, dazu Fotos der Dahingeschiedenen.

 

An vielen Gräbern stehen Musiker neben den Familien und spielen ein paar Lieder zu Ehren der Toten. Manchmal bereiten sie den Verstorbenen eine besondere Freude und geben ihre Lieblingslieder zum Besten. Das Lied, das die Tante immer gesungen hat, wenn sie für ein Fest gekocht hat und guter Laune war. Das Lied, bei dem sich die Großeltern kennengelernt und verliebt haben. Eine alte Hochzeitsmelodie. Alles, was den Geliebten, die nicht mehr auf Erden wandeln, eine Freude bereiten kann. Glücklich sollen sie sein und diesen Tag genießen.

 

Natürlich spielt das gemeinsame Essen eine wichtige Rolle am Tag der Toten. Die Familien kommen mit Klappstühlen und prall gefüllten Tupperdosen auf den Friedhof, denn die wichtigste und schönste Art, vereint zu sein, ist das gemeinsame Schmausen. Das gilt in Mexiko für die Lebenden und Toten gleichermaßen. Und so wird am Grab ein Familienessen veranstaltet mit allen, was dazugehört: Tortillas, Bohnen, Avocado, Chilisoße, Fleisch und Gemüse. Es werden Tacos, Burritos, Enchiladas, Gorditas, Sopes, Gringas, Tostadas, Tortas, Tamales, Enmoladas, Enfrijoladas und Kaktussalat aufgetischt, damit alle Anwesenden glücklich sind und sich besser der vergangenen Familienessen erinnern können, da auch noch die Verstorbenen zu den Lebenden zählten. Beim Essen vereinen sich Vergangenheit und Gegenwart, die Toten steigen aus ihren kalten Gräbern und gesellen sich zu ihrer Familie. Es werden Teller mit ihren Lieblingsspeisen bereitgestellt, damit sie am Essen teilnehmen können. Gemeinsam begeht die Familie den Feiertag. Es handelt sich nicht um einen Trauerdienst, bei dem man an die Verstorbenen denkt und ihnen im Jenseits alles Gute wünscht. Es ist ein Moment des Zusammenseins, denn die Toten werden nicht als Erinnerungen beweint, sondern aus den Erinnerungen und Gräbern in die Gegenwart geholt, um wieder Teil der lebendigen Welt zu werden.

 

Die Kinder bekommen Cola zu trinken, die Erwachsenen Bier, Tequila und Mezcal. Bis spät in die Nacht wird bei Kerzenlicht gegessen und getrunken, werden alte Geschichten erzählt von Hochzeiten, Geburtstagen und gemeinsamen Urlauben. Geschichten, in denen die Verstorbenen vorkommen und eine wichtige Rolle spielen. Es werden Witze gemacht und Sorgen geäußert. Tränen fließen in Strömen, immer wieder hört man jemanden auf dem Friedhof aufschreien, der die Verstorbenen so sehr vermisst, dass er es nicht ertragen kann. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes herzzerreißend. Zugleich ist es aber auch schön und ermutigend, denn niemand bleibt mit seinen Sorgen am Tag der Toten allein. Die gesamte Familie ist anwesend, um die Trauer aufzufangen und sich der Schönheit des Lebens zu erinnern. So sehr man auch um das Ableben der Geliebten trauern mag, so sehr genießt man es, wieder mit ihnen vereint zu sein, die Erinnerungen an sie lebendig werden zu lassen. Es ist das Auflösender Grenze zwischen Lebenden und Toten, ein kleiner Sieg gegenüber der Vergänglichkeit.

 

In anderen Kulturen ist der Tod ein großes, schwarzes Loch, ein gigantisches Nichts. Man spricht nicht über ihn und vermeidet es, an ihn zu denken. Man will sich den Tod fernhalten. Deshalb runzelt man die Stirn oder verzieht den Mund, wenn man von Mexikanern hört, die auf dem Friedhof zusammen mit den Toten essen. Es mutet allzu merkwürdig an, dass die Leute keinen Bogen um dieses große Nichts machen, es vielmehr mit Musik, Tacos, Tequila und Cempasúchil  Blumen füllen. Sie machen es, damit die Tränen der Trauer auch von Tränen der Freude begleitet werden, damit der Tod ein Stück menschlicher wird.

 

Indigener Ahnenkult und katholische Kirche

In einem so großen und vielfältigen Land wie Mexiko gibt es nicht die eine Art, den Tag der Toten zu feiern, sondern eine Vielzahl an Varianten. Schließlich ist diese Feier eine Verschmelzung christlicher und indigener Elemente. Die kirchlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelentreffen dabei auf unterschiedliche Formen des Ahnenkults, der in allen indigenen Gruppen des Landes auf besondere und einzigartige Art begangen wird. Die Variationen sind entsprechend groß. So kann der wichtigste Teil der Feierlichkeiten vom Friedhof auf die Straße verlagert werden. Dann verbringen die Familien den Tag nicht mit ihren Verstorbenen, sondern werden Teil eines großen, karnevalesken Umzugs, der allen Toten und Lebenden der Gemeinde gilt. Die Erinnerungen werden bei Trank und Tanz belebt, anstatt bei einem Essen am Grab. Bei anderen Gruppen wird die Verbindung zwischen Totentag und dem landwirtschaftlichen Zyklus offenbar, da das Gedenken an die Ahnen zugleich eine Form des Erntedankfestes darstellt. Die Verstorbenen, die früher auch die Götter waren, werden besänftigt, nachdem die Ernte erfolgreich eingeholt wurde und der neue Zyklus des Lebens, der sich in den Jahreszeiten und den landwirtschaftlichen Tätigkeiten widerspiegelt, erneut in Gang gesetzt wird.

 

Der Altar für die Toten

Den Toten wird nicht nur im öffentlichen Raum auf den Straßen und Friedhöfen gedacht, sondern auch in Form eines privaten Altars im Haus der Familie. Daheim wird ein Tisch mit Blumen, Fotos, kleinen Gaben, religiösen Artikeln und buntem Papier geschmückt. Es ist die Einladung an die Verstorbenen, ins Haus einzutreten und sich wieder mit der Familie zu vereinen. Auf dem Altar warten all die Dinge, die den Toten im Leben so gefallen haben: Tequila, Bier, Zigaretten, Gebäck in allen möglichen Formen, Schokolade, Kaffee, Orangen, Äpfel, Nüsse, Tamales etc. Sie sollen diesen Tag genießen, so wie sie zuvor ihr Leben genossen haben, mit Leckereien und ihren Lieblingsgetränken. Dazu gesellen sich Weihrauch, Bilder der heiligen Jungfrau von Guadalupe und Kerzen als Ausdruck des katholischen Glaubens. Die Cempasúchil Blumen dürfen dabei nicht fehlen, denn neben ihrer Bedeutung als Blumen der Toten kommt ihnen beim heimischen Altar eine zusätzliche Aufgabe zu. Aus den orange leuchtenden Blüten wird nämlich eine Spur gelegt, die den Toten den Weg weisen soll. Auf der Suche nach der Familie wird ihnen geholfen, das richtige Haus in der richtigen Straße zu finden. Die Blütenspur führt zum Altar, wo sie ihre Fotos und Gaben finden, sich sicher sein können, wieder mit ihrer Familie zusammen zu sein. Der Altar im Haus ist besonders wichtig für diejenigen Familienmitglieder, die verzogen sind und keine Möglichkeit haben, den Friedhof der Verwandten am Tag der Toten zu besuchen. Da die Gräber für sie in unerreichbarer Ferne sind, inszenieren sie die Begegnung mit den Toten in den eigenen vier Wänden, fernab ihres Heimatortes, wo der Friedhof mit Musik, Essen und Tränen belebt wird.

 

Für herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens werden in den Stadtzentren besonders große und prächtige Altäre aufgebaut. Sie erinnern an verstorbene Universitätsdirektoren, Stiftungsleiter, Bürgermeister, Künstler usw. Dort können sich alle Freunde und Verehrer einfinden und ihren Respekt zollen, sich von den Verblichenen verabschieden. Diese Altäre dienen hauptsächlich der Erinnerung und der Darstellung, sie haben nicht die Absicht, die Lebenden und die Toten zusammenzubringen.

Verkleidete und geschminkte Menschen auf den Straßen
Verkleidete und geschminkte Menschen auf den Straßen
Grab geschmückt mit Cempasúchil Blumen.
Grab geschmückt mit Cempasúchil Blumen.
Geschmückter Altar
Geschmückter Altar

Der día de los muertos ist ein bunter, fröhlicher und geselliger Feiertag.

Da Musik ein entscheidender Bestandteil der Feierlichkeit ist, haben wir

für euch eine Playlist mit passender Musik erstellt. Hört rein!


Ausgabe: Mosaiken in Mexiko
Mosaiken in Mexiko: Religion, Philosophie, Kunt, Städtebau, Politik, Literatur und mehr.

Ausgabe 29: Mosaiken in Mexiko
Religion, Philosophie, Kunst, Städtebau, Politik Literatur und mehr.
3,00 €  

Projektgruppe Matices e. V.

Melchiorstraße 3

In der alten Feuerwache

50670 Köln

E-Mail: matices.info@gmail.com