Zwischen Krieg und Frieden

In Übergangscamps sollen sich ehemalige FARC-Kämpferauf ein ziviles Leben vorbereiten

In Kolumbien ist der Weg in den Frieden ein komplizierter Weg. Eine der Vereinbarungen des Friedensvertrages zwischen Regierung und FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo) im Dezember 2016 legte fest, dass sich die guerilleros und guerilleras der Revolutionären Streitkräfte demobilisieren und in Normalisierungszonen, sogenannten puntos de normalización transitoria (PNT), zusammenfinden. Von dort soll der Übergang in ein Leben innerhalb der kolumbianischen Zivilgesellschaft erleichtert werden. Eine Reise in das departamento Caquetá, zum PNT Oscar Mondragón am Fluss El Pato zeigt, wie ihre Bewohner, die farianos, dort leben, welche Vorstellungen sie von der Zukunft haben und was Frieden für sie eigentlich bedeutet.

von Katharina Mauz und Mario Laborde

Adriana ist 32 Jahre alt und seit ihrem 14. Lebensjahr lebt und kämpft sie in den Reihen der FARC-EP. Sie war Teil der mobilen Einheit Teófilo Forero, über die gesagt wird, sie sei eine der blutrünstigsten und brutalsten Einheiten der FARC-EP gewesen. Adriana schloss sich ihr mit 14 Jahren an, weil sie in ihrer Familie mit neun Geschwistern und einer alleinerziehenden Mutter keine gute Zukunft für sich sah. Die Entscheidung für die FARC-EP bereute sie nie. Der Krieg war hart und das Leben in den Bergen und im Urwald entbehrungsreich und schwierig. Die Narben auf ihrem Körper lassen erahnen, was sie nicht erzählen möchte und dennoch bereut sie es nicht, sich den Kämpfern angeschlossen zu haben.

 

Seitdem sie und ihre compañeros Ende Juni ihre Waffen abgegeben haben, lebt Adriana im PNT Oscar Mondragón. Neben der Unterbringung kümmert sich der kolumbianische Staat dort auch um die Lebensmittelversorgung und um Weiterbildungsmöglichkeiten für die ehemaligen FARC-Kämpfer. Zur Zeit der Festlegung des Friedensvertrages im Dezember 2016 setzte man für die Abwicklung dieses Übergangsprozess 180 Tage an. Im Juni 2017 merkte man, dass diese Zeitplanung zu optimistisch war und verlängerte die Zeitspanne, weil bürokratische Abläufe langsam vonstattengehen, der politische Wille im Kongress schwach ausgeprägt ist und die Mehrheit der Camps sich in sehr entlegenen Gebieten des Landes befindet.

 

Seit Ende Juni ist Adriana Teil der grupo de pedagogía. Die Gruppe von acht ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfern hat die Erlaubnis, sich außerhalb der Camps zu bewegen, um in den Dörfern und Gemeinden Caquetás Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie gehen in Schulen, Universitäten oder zu Gemeindeversammlungen, um mit den Menschen zu reden. Sie erklären, für welche politischen Ziele die Partei steht, die sich nun aus den FARC-EP gebildet hat - und wofür sie nun auch weiterhin kämpfen werden. Von jetzt an aber nur noch mit Worten. Waffen braucht man in Friedenszeiten nicht.

 

Verlust lokaler Kontrolle

 

Das departamento Caquetá war stets Einflussgebiet der FARCEP und unter der Zivilbevölkerung spürten die Kämpfer einen gewissen Rückhalt, manchmal auch Sympathie. Vor allem aber waren sie die lokale Autorität. Hier, wo der kolumbianische Staat abwesend ist, bauten die guerilleros Schulen, asphaltierten Straßen und setzten sich für den Umweltschutz ein. Sie regelten Streitigkeiten unter der Bevölkerung und garantierten Sicherheit. Nachdem sich die FARC-EP demobilisiert haben, ist dadurch ein Machtvakuum entstanden. Eigentlich, im besten Falle, sollte dieses Vakuum der Staat ausfüllen. Tatsächlich sind es aber oftmals andere Akteure, die nun versuchen, Einfluss in der Region zu gewinnen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Caquetá ist das Tor zum kolumbianischen Amazonasgebiet. Während die FARC-EP hier die lokale Kontrolle innehatte, gab es keine illegalen Abholzungen. Mittlerweile aber sind große Flächen gerodet worden. Auch die Erdölgewinnung hat in den vergangenen Monaten stark zugenommen.

 

Neues Leben ohne Waffen, dafür mit Angst

 

Ein Blick in die Vergangenheit, als 1990 ein ähnlicher Demobilisierungsprozess mit den guerilleros der M-19, eine am 19. April 1970 gegründete kolumbianische Guerilla-Organisation, begann, verheißt nichts Gutes für die aktuelle Situation der FARC-EP. Die grupo de pedagogía wird stets von Leibwächtern der Polizei begleitet. Der Grund dafür: Seitdem im September letzten Jahres der Friedensvertrag unterzeichnet wurde und besonders seitdem die farianos, wie die FARC-Kämpfer genannt werden, im Verlauf dieses Jahres ihre Waffen niedergelegt haben, wurden immer mehr ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer, Verbündete sowie deren Familienangehörige von Paramilitärs bedroht, verfolgt und umgebracht. Der Staat, für den sich seit der Demobilisierung der Paramilitärs Anfang der 2000er Jahre dieses Phänomen offiziell erledigt hat, kommt hier nicht zur Hilfe – der politische Wille dazu fehlt. Das alles erklärt auch, warum Adriana und ihre compañeros Angst verspüren, wenn sie in den Dörfern und Gemeinden unterwegs sind.

 

Die mobile Einheit Adrianas, Teófilo Forero, gehörte zu den Spezialeinheiten des Bloque Oriental der FARC-EP. Die teofilos waren die bestausgebildeten Kämpferinnen und Kämpfer unter den farianos. Als die Friedensverhandlungen begannen, hatten viele Zweifel, ob auch diese Einheit sich dem Frieden anschließen oder abspalten und den bewaffneten Kampf fortsetzen würden. Als dann der Kommandant der Teófilo Forero, alias El Paisa, im April 2016 nach Havanna reiste, um an den Verhandlungen teilzunehmen, hatte das starken Symbolcharakter. Wenn der Kommandant einer der stärksten Militäreinheiten sich in Havanna an den Verhandlungstisch setzt, dann ist es der FARC-EP ernst mit dem Frieden.

 

Den Moment, in dem die guerilleros ihre Waffen abgeben mussten, beschreiben diese als einen der schwierigsten Schritte im Friedensprozess. Kevin Salvatierra lebt auch im PNT Oscar Mondragón. Er ist seit 25 Jahren Teil der Teófilo Forero und in den letzten Jahren war er verantwortlich für die Finanzen und die Rekrutierung neuer Mitglieder. Die Übergabe der Waffen war für ihn, als hätte man ihm einen Arm abgenommen. Er fühlt sich ausgeliefert, schutzlos. Auch jetzt, da auf dem Papier Frieden herrscht, kann er dieses Gefühl nur schwer ablegen.

 

Auch Juliana, die nicht fotografiert werden möchte und die in Wahrheit auch nicht Juliana heißt, hat große Angst, die sich manchmal in regelrechte Panik verwandelt. Sie ist 24 Jahre alt und seit acht Jahren bei der FARC-EP. Seit sechs Jahren ist sie mit einem compañero zusammen. Doch anders als viele andere Paare, die seit den Friedensverhandlungen - als das Baby-Verbot der FARC-EP gelockert wurde und ein regelrechter Babyboom begann - sogenannte „Friedenskinder“ in die Welt setzten, denken Juliana und ihr Freund nicht ans Kinderkriegen. Zu ungewiss ist ihnen die Zukunft, als dass sie in diesen immer noch gefährlichen Zeiten ein Kind bekommen wollten.

 

Herrscht wirklich Frieden in Kolumbien?

 

Es wurde zwar Frieden mit den FARC-EP geschlossen, doch das bedeutet nicht, dass überall in Kolumbien Frieden herrscht. Die Armee der nationalen Befreiung (Ejército de Liberación Nacional, ELN) und die Volksarmee der Befreiung (Ejército Popular de Liberación, EPL) sind bewaffnete Guerilla-Einheiten, die nach wie vor in einigen departamentos des Landes militärisch präsent sind. Besorgniserregend ist auch die stetig größer werdende Präsenz verschiedener paramilitärischer Gruppen in großen Teilen des Landes. „Nichtsdestotrotz“, sagt Daneiro Santamaria, „haben wir uns voll und ganz dem Frieden verschrieben, die Waffen abgelegt und verfolgen unsere politischen Ziele nur noch mit Worten.“

 

Daneiro ist seit seinem zwanzigsten Lebensjahr, also seit mehr als 30 Jahren, bei den FARC-EP. Er war politischer Kommandant der Einheit Teófilo Forero und leitet nun die grupo de pedagogía. Daneiro ist einer der wenigen unter den Mitgliedern der Gruppe, der eine abgeschlossene Schulbildung hat und ein Universitätsstudium begann. Im Gespräch mit ihm spürt man das. Ein kürzlich von der Universidad Nacional erhobener Zensus der Mitglieder der FARC-EP ergab, dass von über 10.000 der befragten guerilleros und guerilleras 90 Prozent lesen und schreiben können, 78 Prozent die Grundschul-, bzw. Sekundärschule besucht, aber nur 3 Prozent eine akademische Ausbildung, bzw. 8 Prozent eine praktische Ausbildung gemacht haben. 11 Prozent haben niemals eine Schule besucht.

 

Daneiro überblickt das politische Panorama in Kolumbien, seine Aussagen sind differenziert. Für ihn sind der Austausch, die Gespräche und die Diskussionen mit der Zivilbevölkerung der Schlüssel und die Grundlage für anhaltenden Frieden. „Schon manch eine Kröte mussten wir schlucken, Beleidigungen und Demütigungen über uns ergehen lassen. Wir haben uns für Dinge entschuldigt, für die wir nicht verantwortlich waren, die uns die Zivilgesellschaft – von den Medien falsch informiert – ankreidet. All das ertragen wir, damit nun endlich Frieden herrschen kann.“

 

Und in der Zukunft?

 

Laut dem Zensus der Universidad Nacional kommen knapp 81 Prozent der FARC-EP Mitglieder aus ländlichen Gebieten und kennen kaum mehr als die Landwirtschaft und den bewaffneten Kampf. Da die vom Staat zugesagten Weiterbildungsangebote bis jetzt ausbleiben, können sich viele nur eine Rückkehr in die Landwirtschaft vorstellen – es ist für sie das Naheliegenste. Doch Kolumbien ist ein Land mit extrem ungleichen Besitzverhältnissen, in dem der Zugang zu Land sehr ungerecht verteilt ist. Deshalb ist die Umsetzung der ganzheitlichen Agrarreform, der erste Punkt der Friedensverhandlungen von Havanna, so wichtig. Im Zensus gaben 77 Prozent der Befragten an, dass sie nicht wüssten, wohin sie gehen könnten. Sie werden auch nach Ablauf der sogenannten „Übergangszeit“ in den Camps bleiben.

 

Auch Adriana kann sich ein „geregeltes Leben“ mit Haushalt und Kindern nur schwer vorstellen. Zukunftsträume hat sie, aber man sollte besser von der Realität ausgehen und seine Pläne daran anpassen, meint sie. Mit 18 Jahren, als sie bereits vier Jahre bei der FARC-EP war, hat sie einen kleinen Jungen bekommen. Es war eine Ausnahme, dass sie das Kind bekommen durfte, denn in den meisten Fällen mussten die schwangeren Frauen abtreiben. Kinder bekommen, inmitten des Krieges, nein, das war unvorstellbar.

 

Adriana musste ihr Kind nach der Geburt dann aber weggeben. Da sie vier Jahre zuvor, ohne ein Wort zu sagen, von zu Hause weggegangen war und die Familie seitdem sozial geächtet wurde, konnte sie das Kind nicht zu ihren Familienangehörigen geben. Sie fand ein nettes Ehepaar, das den Säugling wie ihr eigenes Kind annahm. 14 Jahre ist Adrianas Sohn nun alt und weiß nichts von seinen Eltern, die beide der FARC-EP angehören. Der Vater ist noch im Gefängnis, aber sobald er freikommt, das ist ihr Traum, möchten Adriana und er nach Pasto fahren, um ihren Sohn kennenzulernen.

 

Katharina Mauz ist Redakteurin bei matices. Mario Laborde ist Fotograf. Beide leben in Kolumbien und sind zusammen für diese Reportage in das departamento Caquetá gereist.

„Träume für die Zukunft habe ich schon, aber die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass man in Kolumbien nicht träumen, sondern sich vielmehr an der Realität orientieren sollte.“ – Adriana ©Mario Laborde
„Träume für die Zukunft habe ich schon, aber die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass man in Kolumbien nicht träumen, sondern sich vielmehr an der Realität orientieren sollte.“ – Adriana ©Mario Laborde
Der Punto de Normalización Transitoria Oscar Mondragón liegt in einer Region, in der die FARC-EP schon seit Jahrzehnten präsent sind, am Ufer des Río Pato. ©Mario Laborde
Der Punto de Normalización Transitoria Oscar Mondragón liegt in einer Region, in der die FARC-EP schon seit Jahrzehnten präsent sind, am Ufer des Río Pato. ©Mario Laborde
„Wir haben die Waffen niedergelegt und kämpfen nun nur noch mit Worten für unsere politischen Ziele. Das ist Frieden.“ – Daneiro ©Mario Laborde
„Wir haben die Waffen niedergelegt und kämpfen nun nur noch mit Worten für unsere politischen Ziele. Das ist Frieden.“ – Daneiro ©Mario Laborde