„Fühl dich wohl, so wie du bist!“

Ein Interview mit der Kölner Band Chango Leon

Das Latin-Rock-Trio aus Köln arbeitet gerade an seinem neuen Album. Vor den Aufnahmen wollen Chango Leon noch viele Live-Konzerte spielen. Carolin Freudenthal traf sie für Matices auf dem Streetlive 2017 in Leverkusen.

von Carolin Freudenthal

Eure Band heißt Chango Leon. Wie kam es zu diesem Namen?

 

Edgar Huitron Martinez: Der Name unserer Band sollte die Eigenschaften unserer Musik widerspiegeln. Die Musik, die wir spielen, ist auf der einen Seite ernsthaft. Auf der anderen Seite ist sie lebendig und soll Spaß machen. Chango bedeutet im mexikanischen Spanisch Affe. Es ist ein Tier, das springt, lebendig und witzig ist. Und Leon ist der Löwe. Ein Tier, das man respektieren muss. Durch diese Kombination entstand der Name Chango Leon. Und so mischen wir auch unsere Musik: Punk mit Merengue, Salsa mit Rock, Cumbia mit Rock.

 

Wie würdet Ihr Euch im Einzelnen beschreiben? Wer ist von Euch Chango, wer ist Leon?

 

(Alle lachen) Edgar: Ich würde mich als eine Mischung zwischen chango und leon beschreiben. Früher war ich eher der Kasper, aber mittlerweile weiß ich, dass man auf der Bühne auch einmal etwas ernster rüberkommen muss.

 

Augusto, bist Du eher chango oder eher leon?

 

Augusto Stahlke (lacht): Ich bin eher so ein Mittelding zwischen ernst und witzig. Michael ist eher leon. Er ist derjenige, der, was Rockmusik angeht, wirklich die Hosen an hat. Edgar ist derjenige, der die Texte schreibt. Ich spiele gerne Rock, aber ich bin jetzt nicht der krasseste Rocker.

 

Apropos Rocker. Heute hat man bei Eurem Auftritt gemerkt, dass Ihr rockiger geworden seid. Ist das Eure Richtung, in die Ihr weiter gehen wollt?

 

Edgar: Das hat sich mit der Zeit so ergeben. Wir haben gemerkt, dass die rockigeren Lieder besser klingen. Wir sind zu Dritt und somit für manche lateinamerikanischen Musikrichtungen zu wenige. Deshalb versuchen wir diese Elemente, die uns fehlen, mit Rockelementen zu füllen.

 

Michael Krol: Es gibt auch einen anderen Grund: Als wir mit der Band angefangen hatten und die Jungs mir die Demos gereicht haben, war das wirklich Latin-Rock. Dann ging es weiter mit dem Kompositionsprozess. Es gab neue Songs und diese Songs brachten immer wieder unterschiedliche Stile mit. Lateinamerikanische Musik ist sehr vielseitig und hat so viele Facetten und Stimmungen, die vom Tanzbaren, zum Harmonischen, Klischeehaften bis zum Experimentellen reichen. Die Rockmusik ist für uns ein Bindeelement und dient sozusagen als Rahmen unserer Musik.

 

Gibt es Bands, die Euch inspirieren?

 

Michael: In diesem Latin-Rock-Genre suche ich vergebens. Da fällt mir Santana ein, aber auch Santana ist anders. Auf der einen Seite spielen wir Classic Rock, auf der anderen Seite spielen wir klassische Latinorhythmen. Wir spielen klassischen Salsa. Wir spielen klassischen Bolero. Klassischen Cumbia. Es geht um die Mischung. Wir haben beispielsweise ein Lied, das Richtung Timba geht, also moderneres Salsa. Und darüber legen wir ACDC-Riffs. Beides sind klassische klischeehafte Riffs, aber durch die Verbindung ergibt sich etwas Neues. Edgar: ACDC mit Salsa klingt zwar bescheuert, aber es hört sich echt cool an.

 

Was ist Euch bei Eurer Musik wichtig?

 

Edgar: Ich persönlich finde, dass Musik einen gewissen Inhalt vermitteln muss. Aber genauso müssen wir musikalisch überzeugen. Die Balance zwischen Inhalt und guter Komposition ist mir wichtig.

 

Was sind die Inhalte Eurer Lieder?

 

Michael: Es gibt drei Bereiche: Bereich eins handelt von Edgars Erfahrungen mit Frauen. In Bereich zwei thematisieren wir politische Themen und Bereich drei hat mit Edgars Mutter zu tun. Also auch wieder Frauen (lacht).
Edgar: Es gibt auch Themen, die für Lateinamerika wichtig sind, wie Perspektivlosigkeit. „Sicaria“ zum Beispiel handelt von einer Frau, die sich entschieden hat als Auftragskillerin bei der mexikanischen narco zu arbeiten. Ich beschreibe das Schicksal und wie es sich anfühlt, jemanden zu erschießen. Die Geschichte stammt aus einer Dokumentation.

 

Also kann man festhalten, Eure Texte handeln von Liebe, Frauen und von lateinamerikanischen Themen.

 

Edgar: Ja, aber die lateinamerikanische Themen können auch globale Themen sein. Die Mafia gibt es zum Beispiel nicht nur in Mexiko. Mafia gibt es überall.

 

Bei Eurem Lied „Contigo“ geht es um das Schönheitsideal. Ist es ein Thema, das besonders Lateinamerika betrifft?

 

Edgar: Nein, dies ist genauso ein globales Thema. In den meisten Ländern wird uns ein Schönheitsideal vorgesetzt, das uns sagt: „Dünn zu sein ist besser als dick“ oder „Kauf dir teures Zeug, damit du besser aussiehst“. „Contigo“ behandelt genau dieses Thema. Unsere Message ist: „Fühl dich wohl, so wie du bist! Keiner hat dir zu sagen, was du anziehen sollst oder wie du auszusehen hast.“

 

Gibt es Eurer Meinung nach einen Unterschied zwischen dem lateinamerikanischen Schönheitsideal und dem deutschen?

 

Edgar: Ja, in Lateinamerika hat man beispielsweise Nachteile, wenn man nicht blond ist. Wenn du hellhäutig und blond bist, bekommst du ganz andere Möglichkeiten. Du bekommst zum Beispiel viel schneller einen TV-Job. Und das setzt die Leute unter Druck.

Augusto: In Deutschland geht es eher um Intellektualität. Die Tagesschau zum Beispiel ist multikulturell. Aber wahrscheinlich haben die Moderatoren sehr hohe Ausbildungen. Die Tagesschau darf wahrscheinlich keine einfache Person moderieren, auch wenn sie Talent hätte. In Lateinamerika ist der Abschluss nicht ganz so relevant.

 

Also geht das Ganze Richtung Diskriminierung?

 

Augusto: Ja, aber alles im übertragenen Sinne. Edgar spielt sehr viel mit Bildern. Die Texte darf man nicht immer wortwörtlich nehmen.

 

Heute habt Ihr auf einem Straßenfestival in Leverkusen gespielt, in Polen wart Ihr auch auf einem Straßenfestival, insgesamt spielt Ihr oft auf der Straße. Was macht Ihr lieber? Auf der Straße spielen oder in einem Club?

 

Augusto: Da sag ich ganz ehrlich: Natürlich würde ich auch gerne auf einer krassen Bühne stehen. Natürlich würde ich auch gerne bei dem mexikanischen Festival „Vive Latino“ spielen mit Fernsehübertragung und das auch noch global. Aber ich sag mal, in einem gut gefüllten Club mit 200 Leuten zu spielen, das gibt einem das Gefühl in dieser Stadt erwünscht zu sein. Hier auf dem Straßenfest schauen die Leute eher spontan vorbei und vielleicht sind einige dabei, die unsere Musik mögen. Aber in einem Club, wo sich die Leute die Karten selber kaufen, entsteht eine ganz andere Atmosphäre.

 

Wie würdest Du diese Atmosphäre beschreiben?

 

Augusto: In einem Club ist es viel einfacher Stimmung aufzubauen, weil die Leute genau auf uns Bock haben.

 

Wo trifft man Euch, wenn Ihr auf der Straße spielt?

 

Edgar: Meistens am Rhein.

Michael: Straßenmusik in Köln ist mittlerweile sehr schwer, weil wir es meistens erst nach 22 Uhr schaffen und da hat das Ordnungsamt das Sagen. Wir spielen in letzter Zeit öfter am Club Underground, aber sogar dort gibt es mittlerweile Ärger, weil wir direkt an der Straße spielen. Wenn man wie wir kleine Straßenverstärker nutzt, ist Straßenmusik generell nicht einfach. Es gibt immer jemanden, den es stört.

Edgar: Man braucht eine Art Guerillaaktion. Man fährt hin, baut alles auf und spielt. Aber man muss immer davon ausgehen, dass irgendjemand das Ganze abbrechen möchte.

 

Habt Ihr auch vor, in Lateinamerika zu spielen?

 

Edgar: Ich würde gerne mal in Lateinamerika spielen. Das wäre entweder innerhalb einer selbst organisierten Aktion oder wenn wir so bekannt geworden sind, dass wir nach Lateinamerika eingeladen werden.

 

Wie würde das lateinamerikanische Publikum auf Euch reagieren?

 

Augusto: Die Spanischsprechenden feiern uns am meisten. In Barcelona haben wir mal diese Erfahrung gemacht. Das war, als wären wir eine andere Band gewesen. Die haben alle Texte nach dem zweiten Refrain mitgesungen und grundsätzlich nach dem ersten Takt getanzt. Das vermisse ich schon. Aber auch in Darmstadt bei einem lateinamerikanischen Fest haben sich die Leute viel mehr auf unsere Musik eingelassen.

Michael: Die Texte sind schon wichtig. Man kann sich viel mehr mit der Band identifizieren, man fühlt sich heimischer, mehr zu Hause, weil man seine eigene Sprache hört.

Augusto: Das ist auch logisch. Wenn du die Texte verstehst, kannst Du die Band mehr abfeiern.

 

Gab es ein besonders schönes Ereignis in Eurer Bandgeschichte?

 

Edgar: Ja, in Polen auf dem Straßenfest, als alle zu „Sicaria“

getanzt haben.

Augusto: Das war so eine Situation, die ich meine, wenn die Leute einfach Bock auf uns haben. Dann entsteht die Stimmung, die ungezwungen und leidenschaftlich ist. Auch wenn der Text von „Sicaria“ recht dramatisch ist, haben alle Leute getanzt. Und ein Freund von uns hat genau diesen Moment gefilmt.

Michael: Ein paar Leute haben sogar die Szenen nachgespielt. 

Edgar: Ja, die haben sehr theatralisch getanzt und es war nicht geplant. Wir haben einfach angefangen zu spielen und sie haben uns direkt ernst genommen. Und darüber freut man sich. Als Musiker braucht man solche Momente.

Augusto: Da waren viele Spanischsprachige. Das heißt, das Publikum wusste worum es ging.

Edgar: Ungefähr 30 Prozent von den Künstlern kamen aus Lateinamerika. Die restlichen 70 Prozent waren Musiker, Straßenkünstler, Akrobaten, Clowns... Das war sehr speziell. Ein Unikat.

 

Gab es auch ein peinliches Ereignis in Eurer Musikkarriere?

 

Augusto: Ja (alle lachen und reden durcheinander, dann wird es ruhig). Es gab eine Situation. Auch wieder Sicaria auf einem kolumbianischen Fest. Da war jemand emotional verletzt. Wir machten die Ansage zum Lied über die Auftragskillerin. Dann stand plötzlich eine Frau zwischen uns und dem Publikum und sagte völlig aufgebracht: „Hört mal! Was soll das hier? Ist das euer Ernst? Ich komme aus Kolumbien, ich finde das nicht witzig!“, das alles natürlich auf Spanisch.

Edgar: Und das Konzert wurde abgebrochen.

Augusto: Ja, aber ich kann das verstehen. Stell dir mal vor, dir wäre irgendwann mal irgendwas passiert und genau darüber singen wir. Und das poetisch untermalt.

Edgar: Man muss dazu sagen, die Leute hatten eigentlich eine ganz andere Art von Band erwartet. Sie haben erwartet, dass eine Band nach Art der „Matatigres“ auftritt, mit typischen Latino Beats zum Tanzen. Es war für uns sehr demotivierend, da es einer unserer ersten Auftritte war und wir viel geprobt hatten. Es war so heftig! Ein richtiger Schlag ins Gesicht! Aber daraus haben wir gelernt. Durch solche Interviews können wir erklären, was für Musik wir machen und wofür wir das machen. Seit diesem Tag an machen wir uns auch ernsthaft Gedanken über unsere Texte und unsere Ansagen bei Konzerten.

 

Ihr arbeitet gerade an Eurem neuen Album. Was haben wir davon zu erwarten?

 

Edgar: Dass es sehr teuer wird (lacht). Eine musikalische Entwicklung. Und es soll Spaß machen das Album zu hören. Der gleiche Spaß, den wir auf der Bühne haben, soll auch auf dem Album zu spüren sein.

 

Inwiefern wird es eine Entwicklung zur vorherigen EP geben?

 

Michael: Es wird härter! Rockiger, punkiger und vielleicht auch psychedelischer.

Augusto: Genauso, wie wir uns äußerlich verändert haben, hat sich auch unsere Musik verändert.

 

Also Dir, Edgar, fehlt jetzt z.B. dein Mariachi-Outfit!

 

Edgar (lacht): Ja, zum Beispiel. Ich bin außerdem älter und reifer geworden. Wir sind alle reifer geworden und das wird man hören.

Michael: Denk an unser Maskottchen, das aussieht wie ein Affenlöwe. Auf der nächsten CD hat es lange Haare, ist tätowiert und trägt ein Piercing.

Augusto: Das neue Album wird lebendiger und livemäßiger!

 

Wann soll das neue Album rauskommen?

 

Augusto: Also wenn es bei der Deadline im Januar bleibt und wir vier Monate Vorlaufzeit einplanen... Im Sommer 2018!

 

Wenn jetzt eine Fee vorbeikommen würde und euch einen Wunsch erfüllen könnte, was wäre das?

 

Augusto: Zeit, Geld und für unsere Konzerte technische Helfer, damit wir uns komplett auf unsere Musik konzentrieren können. 

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Carolin Freudenthal ist Redakteurin bei matices.

© Alessandro de Matteis
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