Im intensiven Jetzt

Politische Statements aus Brasilienbei der Berlinale 2017

Vielseitig waren die Botschaften der lateinamerikanischen Filme in diesem Berlinale-Jahr. Der chilenische Wettbewerbsfilm Una mujer fantástica von Sebastián Lelio über eine Transgender-Frau, die von der Familie ihres Mannes angefeindet wird, wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch sowie dem Teddy Award ausgezeichnet. In der Reihe Berlinale Special lief der neue Film von Fernando Pérez Últimos días en La Habana über den HIV-Infizierten Diego, seinen ausreisewilligen Freund und ein Kuba im Umbruch. Neben sexueller Selbstbestimmung wurden vor allem in zahlreichen Filmen aus Brasilien verschiedenste Formen von Herrschaft, Unterdrückung und Revolte thematisiert.

von Sonja Hofmann

Die weltpolitische Lage gibt derzeit viel Anlass zu Protest. Auch die Filmszene zeigt sich dabei angriffslustig. Seien es die zahlreichen Trump-Anspielungen bei der diesjährigen Oscar-Verleihung (Laudator Gael García Bernal etwa wies darauf hin, dass er als Mexikaner die geplante Mauer natürlich nicht billige), seien es die vielfachen Statements von Filmschaffenden während der Berlinale. So nahmen gleich mehrere brasilianische RegisseurInnen vor ihrer jeweiligen Filmpremiere deutlichen Bezug zu ihrer momentanen Regierungskrise und verliehen ihrer Befürchtung Ausdruck, dass künftig die Filmförderung ihres Landes stark zurückgefahren werden könne. Gerade in diesem Jahr wurden auf der Berlinale so viele Filme aus Brasilien wie schon lange nicht mehr gezeigt. Damit könnte es also bald vorbei sein.

 

Regisseur Davi Pretto aus Porto Alegre, der in der Sektion Forum seinen zweiten Langspielfilm präsentierte (nach „Castanha“, 2014), verlas etwa vor seiner Premiere einen Brief, der zur Solidarität mit den brasilianischen Filmschaffenden gegen die Sparpolitik der Regierung Temer aufrief, die auch die Nationale Filmförderagentur Ancine treffen würde.

 

Die endlose Weite im Süden Brasiliens nahe der Grenze zu Uruguay ist die eigentliche Hauptfigur seines Films Rifle. Eine verlassene Region, in die Unternehmer Abgesandte schicken, die für sie das Land aufkaufen, um Soja anzupflanzen. Das verdrängt die Viehwirtschaft und führt zur vermehrten Abwanderung der Bevölkerung. Es gibt hier kaum Schulen und kaum noch junge Leute, da alle in die Städte ziehen, wo es mehr Arbeit, mehr Leben gibt. Doch der eigensinnige Dione will bleiben und die Landschaft bezwingen. Er nimmt ein Gewehr und schießt drauflos, auf die fremden Autos, deren Fahrer nachts anrücken, um unbemerkt Zäune zu errichten. Davi Pretto hat hier den Mythos des historischen Gaucho, der Land besaß, um „jemand zu sein“, mit einer „Western“- Ästhetik verarbeitet. Sein Skript kombinierte er mit den wahren Geschichten der Leute vor Ort, die auch zu seinen Darstellern wurden und erstmals vor der Kamera standen. So entstand ein sehr authentischer und atmosphärischer Film über das Leben in einer hoffnungslosen Gegend.

 

Unterdrückung und Widerstand im Wandel der Zeit

 

Hoffnungslos scheint auch die Situation des Minenbesitzers Antonio, dessen Frau wie auch das neugeborene Kind bei der Entbindung sterben. Kurz vor der Unabhängigkeit, im Jahre 1821, spielt Vazante, den Daniela Thomas in der Sektion Panorama vorstellte. Nach mehreren gemeinsamen Filmen mit Walter Salles ist dies nun ihre erste eigene Regiearbeit. In schwarz-weiß gedreht, thematisiert sie den allmählichen Wandel in den Rassen- und Geschlechterverhältnissen sowie den Übergang von der Minenausbeutung zur Viehwirtschaft. Antonio sucht sich eine neue Frau und heiratet die zwölfjährige Nichte seiner Gattin. Beatriz fürchtet den schweigsamen Hausherrn und sucht sich bald ihren eigenen Platz in der hermetischen Welt der Fazenda. Sie findet ihn bei einem Sklavenjungen ihres Alters. Als sie von diesem schwanger wird, greift Antonio zu drastischen Mitteln, um die althergebrachte Ordnung wiederherzustellen. Doch der Prozess des Widerstands und der Veränderung lässt sich nicht mehr aufhalten. Auch Daniela Thomas nahm vorab in einer Rede Bezug zur aktuellen Lage ihres Landes und bezeichnete die heutigen Entwicklungen als eine moderne Art von Versklavung.

 

Dieses Thema spiegelt sich im Wettbewerbsbeitrag von Marcelo Gomes wieder. Joaquim spielt im 18. Jahrhundert und verhandelt die zunehmenden Sorgen der Portugiesen über den Rückgang der Goldförderung in ihrer brasilianischen Kolonie. Julio Machado gibt darin den Leutnant Joaquim, der Goldschmuggler jagt und vergebens auf seine Belohnung wartet, von der er seine schwarze Geliebte freizukaufen gedenkt. Schließlich macht er sich mit einer Truppe Sklaven und Indigenen auf, um neue Goldadern zu finden. Nach und nach werden ihm die Korruption der Kolonialoffiziere und die Unterdrückungsmechanismen, die seine Landsleute ausüben, bewusst. Der Film orientiert sich dabei lose am Leben des Nationalhelden Joaquim José da Silva Xavier alias Tiradentes.

 

Etwas weiter in unsere Zeit begibt sich João Moreira Salles, der mit No intenso agora einen detaillierten Dokumentarfilm zu den Umbrüchen der 60er Jahre vorlegte. Es geht um das Jahr der Revolte von 1968, die Studentenunruhen in Paris, das Ende des Prager Frühlings, die maoistische Politik in China. Unter der ausschließlichen Verwendung von Found Footage, Amateuraufnahmen wie Archivmaterial, ist eine beeindruckende Collage dieser parallelen Revolutionsgeschichten entstanden. Ausgangspunkt für João Moreira Salles war die Entdeckung privaten Filmmaterials seiner Mutter, die sich 1966 auf eine Kulturreise nach China begeben hatte. Geschickt verwebt er die persönlichen Aufnahmen mit Archivmaterial, das etwa Daniel Cohn-Bendit als Protagonisten der Pariser Studentenrevolte mit Sartre zeigt, die Silvesteransprache de Gaulles oder die Trauermärsche für die Studenten Jan Palach, der sich aus Protest in Prag verbrannte und Edson Luís, der 1968 von der Militärregierung in Rio de Janeiro umgebracht wurde. Eine kluge und zum Nachdenken anregende politische Studie und filmisches Essay.

 

Etwas weiter in unsere Zeit begibt sich João Moreira Salles, der mit No intenso agora einen detaillierten Dokumentarfilm zu den Umbrüchen der 60er Jahre vorlegte. Es geht um das Jahr der Revolte von 1968, die Studentenunruhen in Paris, das Ende des Prager Frühlings, die maoistische Politik in China. Unter der ausschließlichen Verwendung von Found Footage, Amateuraufnahmen wie Archivmaterial, ist eine beeindruckende Collage dieser parallelen Revolutionsgeschichten entstanden. Ausgangspunkt für João Moreira Salles war die Entdeckung privaten Filmmaterials seiner Mutter, die sich 1966 auf eine Kulturreise nach China begeben hatte. Geschickt verwebt er die persönlichen Aufnahmen mit Archivmaterial, das etwa Daniel Cohn-Bendit als Protagonisten der Pariser Studentenrevolte mit Sartre zeigt, die Silvesteransprache de Gaulles oder die Trauermärsche für die Studenten Jan Palach, der sich aus Protest in Prag verbrannte und Edson Luís, der 1968 von der Militärregierung in Rio de Janeiro umgebracht wurde. Eine kluge und zum Nachdenken anregende politische Studie und filmisches Essay. Sie geht eine Affäre ein und beginnt wieder, fürs Theater zu schreiben. Gekonnt inszeniert Bodanzky ihre Darstellerriege und schafft ein Alltagsporträt dreier Generationen. Der Ausbruch Rosas führt am Ende zur Versöhnung und bleibt damit letztlich dem althergebrachten Modell verhaftet.

 

Einen Schritt weiter wagt sich Julia Murat in Pendular: Eine Tänzerin und ein Bildhauer proben in einer riesigen leeren Fabriketage die Kombination von Zusammenleben und Arbeiten. Lässt sich beides vereinbaren, ohne den anderen in seiner Kreativität und Individualität einzuschränken? Zunächst gelingt die wechselseitige Inspiration. Doch schließlich ist er es (die Protagonisten bleiben namenlos), der durch seinen Kinderwunsch seine Partnerin in die Enge treibt. Sie will sich ganz ihrer Berufung, dem Tanz, hingeben.

 

In ihrem zweiten Spielfilm erforscht Julia Murat die Grenzen von Partnerschaft, Intimität und Rivalität. Die Geschichte wird dabei ganz spielerisch inszeniert, die Emotionen statt durch Worte durch Tanzchoreografie und raumfüllende Skulpturen ausgedrückt. Das ist spannend und ungewöhnlich anzusehen, nicht zuletzt dank der herausragenden DarstellerInnen. So ist Raquel Karro in erster Linie wirklich Tänzerin und erst danach zur Schauspielerei gekommen. Murat fügt damit dem aktuellen brasilianischen Film eine weitere Facette der Vielseitigkeit hinzu.

 

Bleibt zu hoffen, dass all diesem Engagement auch in Zukunft die Unterstützung durch die staatliche Filmförderung gewiss sein wird.

 

Sonja Hofmann ist Filmkuratorin und leitet die Kulturredaktion von matices.

 

 

Pendular: Raquel Karro spielt eine leidenschaftliche Tänzerin in einer Beziehung mit einem Bildhauer. Foto: Eduardo Amayo
Pendular: Raquel Karro spielt eine leidenschaftliche Tänzerin in einer Beziehung mit einem Bildhauer. Foto: Eduardo Amayo