„A Capoeira é vida!“

Capoeiristas aus Brasilien erläutern, wieder Kampf-Tanz ihr Leben beeinflusst

Capoeira ist eine brasilianische Tanz-Kampf-Kunst, die ihren Ursprung in der Senza-la, den Hütten der ehemaligen Sklaven und den Quilombos, Siedlungen entflohenerSklaven, zur Zeit des kolonialen Brasiliens hat. Der genaue Ursprung ist unklar, eines steht jedoch fest: Capoeira wäre ohne den Einfluss Afrikas in Brasilien und die Missstände der versklavten afrikanischen Bevölkerung nicht entstanden.

von Charlotte Koch

Capoeira war in Brasilien auch nach dem Ende der Sklaverei lange Zeit eine marginalisierte und sogar kriminalisierte Aktivität. Erst in den 1930er Jahren wurde es offiziell anerkannt und es wurden die ersten Capoeira-Schulen in Bahía eröffnet. Mittlerweile ist Capoeira weltweit bekannt und beliebt und auch die portugiesische Sprache wird durch die nur selten in andere Sprachen übersetzten Gesänge weltweit verbreitet. 

 

Capoeira wird in einem Kreis „gespielt“, der den Raum für das „Spiel“ vorgibt. Dieses jogo besteht aus der Kombination von Angriffs- und Ausweichbewegungen, mit sowohl kämpferischen als auch tänzerischen und akrobatischen Elementen. Die zwei Spieler in der roda de Capoeira, (dem Kreis den die Mitspieler bilden), erwidern die Begegnungen des anderen, testen sich gegenseitig aus und versuchen, den vom Kreis begrenzten Raum zu kontrollieren. Dabei ist die Musik ein essentieller Teil. Das Berimbau, Hauptinstrument der Capoeira, wird normalerweise vom mestre gespielt, dem Anleiter einer Gruppe, und gibt den Rhythmus vor. Es wird begleitet vom pandeiro, dem Tamburin, und verschiedenen anderen Rhythmusinstrumenten. Man singt gemeinsam, in einer Art Frage- und Antwortchor, den der mestre anstimmt. Jede Gruppe hat ihren eigenen Stil und eigene Regeln, nach denen gespielt wird. Prinzipiell gibt es jedoch zwei Hauptströmungen: Capoeira Angola, der langsamere,

boden- und tanzbetonte Stil und Capoeira Regional, die schnellereund kampflastigere Form.

Um eine persönliche Sicht auf Capoeira als Lebensinhalt und -philosophie zu erhaschen, sprach

Matices mit mestre André Foca, der in Fortaleza, Brasilien, seit über 20 Jahren Capoeira-Gruppen leitet.

 

Matices: Du bist ein „Meister“ der Capoeira: Wie bist Du so weit gekommen? Wie fing alles an?

 

Um das zu beantworten, muss ich ein bisschen weiter ausholen. Das Ganze war ein langer und komplexer Prozess. Er beginnt in meiner Kindheit, mit meinen Eltern. Ich habe schon seit ich klein bin beim Spielen immer meine Fantasie benutzt. Mein Lieblingsort war der Korridor in unserem kleinen Haus, wo ich mit Blick auf die Straße und das Leben in neue Rollen schlüpfte und eigene Welten erfand. Diesem Spiel bin ich treu geblieben, habe schon damals in meinem Kopf konstruiert, was ich heute lebe. Ich habe schon immer in Utopien gedacht. Damals gab es bereits Gewalt auf der Straße und mein Viertel war sehr arm, hier in den Ausläufern Fortalezas. Meine Familie war ebenfalls sehr arm. Meine Eltern haben mir eine bestimmte Haltung mitgegeben, vor allem mein Vater. Er war Künstler, und so war für ihn klar, dass er niemals zu viel Geld kommen würde, aber dafür immer das tun konnte, was er wirklich wollte. Dieses Denken hat mich von klein auf stark beeinflusst. Ich selbst begann schon in jungen Jahren zu arbeiten. Mein erster Kontakt mit einem Kampfsport – Judo – war mit fünf Jahren. Dort lernte ich, meinem Körper und auch einem sensei, einem Meister, zu folgen. Ich mochte diese Philosophie, das Lernen von einem Älteren, der dich körperlich, aber auch spirituell unterweist. Der sensei beim Judo, und später mein mestre vom Capoeira wurden für mich zu Vaterf guren. Als ich etwa neun Jahre alt war, lernte ich einige ältere Jungs aus dem Viertel kennen, die gemeinsam Capoeira machten. Schnell fand ich daraufhin meinen mestre und blieb bei ihm. Ich ging direkt von der Arbeit zum Training und widmete quasi meine ganze Freizeit der Capoeira. Ich war damals erst zehn Jahre alt, aber ich wuchs an diesem Prozess. Man könnte sagen, dass ich mich, seit ich elf Jahre alt bin, nicht mehr groß verändert habe, meine grundlegenden Prinzipien waren damals schon gefestigt. 

 

In einer Phase der Freiheitssuche engagierte ich mich zunehmend in der Capoeira. Die Capoeira bedeutete diese Freiheit für mich. Das war keine große Freiheit, keine große Reise, aber sie reichte schon aus, um mich zu entwickeln und meine Persönlichkeit zu entfalten, meine Neugierde zu füttern und meinen Lebenshunger zu stillen.

 

Du hattest doch auch einen mestre? War das eine wichtige Person für Dich?

 

Ja, ich hatte einen mestre, der sehr wichtig war, sowohl positiv als auch negativ gesehen. Generell hatte ich einen riesigen Respekt vor ihm. Er war wie ein Vater für mich, wir hatten eine extrem enge Beziehung. Durch ihn begann ich sehr früh, Unterricht zu geben, da er nicht genug Zeit hatte, sich um alle seine Gruppen zu kümmern. Ich übernahm also viel Verantwortung und gab Unterricht. Manchmal hätte ich gerne etwas weniger Verantwortung gehabt, aber andererseits war es auch eine enorme Möglichkeit, selbst etwas zu starten und aufzubauen, und das mit 13 Jahren. Mit einer anderen Gruppe begann ich später, im Park im Stadtzentrum zu unterrichten. Für meine Schüler war das gar nicht so unkompliziert, weil das Zentrum weit weg war von ihrem Zuhause, aber sie kamen trotzdem. Dort geschah es dann, dass auf einmal Leute von überall kamen und mitmachten.

 

Weil der Park ein offener Ort ist, kamen Arbeiter von dem Markt in der Nähe, oder Leute vom Busbahnhof gegenüber. Manche begannen, regelmäßig zu kommen. Und es kamen auch viele Straßenkinder. Damals war die verbreitetste Droge der Straßenkinder der Kleber, nicht wie heute Crack. Kleber war für die Kinder leicht zu bekommen, ein Hungerkiller. Und diese Kinder kamen zur Capoeira, machten mit und hatten Spaß. Ich habe niemals jemandem den Zutritt verwehrt. Ich legte fest, dass die Kinder nicht mit dem Kleber zum Training kommen durften. Dass ich die Kinder nicht davon abhalten könnte, war mir klar. Ich kann sie nicht retten, aber ich kann für sie da sein und ihnen dieses Angebot machen, die Capoeira zu nutzen, um sich für einen Moment zu befreien, von den Sorgen und Nöten der Straße.

 

Hattest Du die Capoeira auf eine autoritärere Art und Weise beigebracht bekommen?

 

Ja, durchaus. Aber ich denke, das hatte etwas mit der Epoche zu tun, der Zeit in der es noch autoritärer zuging, auch in den Haushalten. Ich achtete von Anfang an sehr darauf, dass die Gruppe gut funktionierte. Für mich war klar, dass jeder kommen konnte, ob Straßenkind oder High-Society-Kid, durch alle Klassen und Schichten. Wer das nicht gut fand, sollte einfach fernbleiben und nicht mehr kommen, mir war und ist diese Offenheit wichtig. Ich glaube an dieses gemeinsame Lernen und Konstruieren, wo jede und jeder eine wichtige und eigene Rolle spielt. Man kann so viel voneinander lernen: Aus bürgerlichen Verhältnissen kommend kann man lernen, dass das Leben nicht nur aus Blumen besteht. Kinder aus armen Familien wiederum sehen, dass sie noch andere Perspektiven haben, als die Straße und die Armut. 

 

Es gab einen Jungen, der mich besonders berührt und beeinflusst hat. Er war sehr schüchtern, lebte auf der Straße, wo solch ein introvertierter Charakter nicht besonders gut aufgehoben ist. Er wollte gerne mitmachen, das merkte ich. Er kam öfters zum Zuschauen vorbei, blieb aber immer auf Distanz. Ich schlug ihm vor, einmal außerhalb des Trainings zu reden. Das wurde zu meiner ersten „Sozialberatung“. Wir trafen uns und sprachen lange über seine Situation und seine Ängste. Dann kam er regelmäßig und ich merkte, wie er aufblühte und wie die Capoeira seinem Selbstbewusstsein guttat. Sein Fall motivierte mich, im sozialen Feld weiterzuarbeiten. Mit Menschen zu arbeiten.

 

Und wie hast Du Deine Art gefunden, Capoeira zu praktizieren?

 

Über die Jahre habe ich mit vielen unterschiedlichen Gruppen, mit unterschiedlichen mestres Capoeira praktiziert. Dabei wurde mir klar, was mir daran gefällt und wichtig ist, und was nicht. Ich lege großen Wert auf die Gruppe als Ganzes, dass sie funktioniert, dass es keine schlechten Energien zwischen den Personen gibt und falls es sie gibt, dass man darüber spricht. Capoeira ist Freiheit, man macht dass man darüber spricht. Capoeira ist Freiheit, man macht sich frei von den Normen des Alltags, in die man sich fügen muss. Man kann dabei an sich selbst, seinen Schwächen und Stärken arbeiten.

 

Meine heutige Gruppe ist wie eine große Familie. Wir sind viele Leute, aber jede und jeder Einzelne ist wichtig und trägt eine eigene Note bei. Capoeira bedeutet auch Widerstand. Wir solidarisieren uns mit den Kämpfen der Minderheiten. Mit der schwarzen Bevölkerung, den Homosexuellen, den Bewohnern der Favelas. Wir versuchen, durch die Capoeira eine sozialkritische Haltung aufrecht zu erhalten und in unserem eigenen kleinen Kosmos an einer Verbesserung der Verhältnisse zu arbeiten.

 

Charlotte Koch ist Redakteurin bei Matices.

                                                                                      

Filipe Alencar:

Ich glaube, dass die Capoeira mir geholfen hat, viele Fertigkeiten zu entwickeln: Kreativität, Körperbewusstsein, Selbstbewusstsein, Zwischenmenschlichkeit. Sie entspannt und belebt mich, es gibt nichts Besseres als ein Training nach einem langen Arbeitstag. Sie hilft mir, die schönen Dinge des Alltags zu bemerken. Sie bedeutet für

mich so vieles. Sie ist Sport, Kunst, eine Ausdrucksform, mich so vieles. Sie ist Sport, Kunst, eine Ausdrucksform, eine Verbindung mit der Kultur meiner Vorfahren. Sie ist auch eine Therapie, bei der ich an meiner Selbstkenntnis arbeite und an meiner Beziehung zu meinen Mitmenschen und der Gesellschaft. Sie ist bestimmt noch viel mehr, jeden Tag entdecke ich einen neuen Aspekt an ihr.

Ariel Gomes:

Jedes Erlebnis mit der Capoeira inspiriert mich und festigt meinen Willen, immer mehr über diese alte Kunst zu lernen. Mich fasziniert vor allem die Musikalität, die untrennbar mit der körperlichen Aktivität der Capoeira verbunden ist. Seit meiner Kindheit war die Musik präsent in meinem Leben, mein Vater gründete mit einigen Freunden eine Musikschule für Kinder und Jugendliche. Aber erst seit ich die Capoeira kennen lernte, begann ich Instrumente zu spielen. Ich hörte den mestre sagen: „Bei der Capoeira ist die Musik wie das Wasser, und wir sind die Fische.“ Seitdem will ich mehr lernen über die Wurzeln dieses Widerstandes in künstlerischer Form. Ein Gesang beschreibt das treffend: „Capoeira ist Abwehr und Angriff, ist das Schwanken des Körpers.“ Durch die Capoeira kann man Menschen mit verschiedenen Hintergründen kennen lernen, wir sind wie eine einzige Familie. In der roda sind wir alle gleich. A Capoeira é vida!

Carlos Marley Correia:

Als kleiner Junge schaute ich einmal bei einer Capoeira-Aufführung in meiner Schule zu, und fand es toll. Der Klang, die Bewegungen, alles! Ich kam nach Hause und sagte meiner Mutter, dass ich Capoeira machen wollte. Sie verbot es mir. Wie so viele Menschen in Brasilien hatte sie das Bild von Capoeira als einem „Arme-Leute-Sport“. Tatsache ist, dass ich die Capoeira schon immer liebte, aber den größten Teil meines Lebens fern von ihr abgehalten wurde. Vor etwa einem Jahr begann ich endlich, Capoeira zu praktizieren. Die beste

Entscheidung überhaupt. Durch die Capoeira habe ich mich selbst gefunden. Der Klang der Instrumente der Capoeira verbindet mich mit meinen Vorfahren, mit ihren Kämpfen und Erfahrungen. Die Bewegungen fordern mich zu körperlichen Leistungen heraus, die ich vorher für unmöglich hielt. Meine Mit-Capoeiristas geben mir bei jedem Training Kraft und erfüllen mich mit Freude.


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