Eine Spielwiese für Modemacher?

In Peru entsteht eine neue Textil-Branche

Wie unsere Hosen, T-Shirts und Schuhe hergestellt werden, beschäftigt in Deutschland seit einiger Zeit nicht mehr nur kritische Konsumenten, sondern auch die Politik. Aus Peru kommen jetzt Lösungsvorschläge für die sozialen und ökologischen Probleme in der Textilbranche.

von Mila Brill

San Pedro de Cajas sei die Hauptstadt des Kunsthandwerks, für ihre Textilkunst bekannt in ganz Peru und darüber hinaus, berichten Bewohner stolz. Der Marktplatz der Kleinstadt in den peruanischen Anden ist umgeben von kleinen Läden, in denen Mützen, Socken, Pullover, Ponchos, Wandteppiche und die bekannten Mantas, mit lokalen Mustern geschmückte Webstoffe, angeboten werden. Wer hier einkauft, kann oft der Ladenbesitzerin dabei zusehen, wie sie Nachschub strickt – ohne hinzusehen. Die Herkunft der Produkte lässt sich in San Pedro de Cajas direkt zurückverfolgen. Denn bereits in den umliegenden Gassen sitzen Grüppchen vor den Haustüren, welche die Wolle per Hand spinnen. Diese wird später entweder mit chemischen Stoffen oder Pflanzen aus der Umgebung gefärbt. Noch weiter außerhalb auf den Hochebenen weiden die Schaf-, Alpaka- und Lamaherden. Sie gehören einer Gesellschaft aus lokalen Bauern an, welche die Weber der Stadt mit Wolle versorgen.

 

Kunsthandwerk bedroht von umweltschädlicher Massenproduktion


Außer den vielen Familien, die für den lokalen Markt und den Verkauf in der Hauptstadt Lima stricken und weben, gibt es einige Werkstätte, die auch internationalen Kunden Wandteppiche verkaufen, zum Beispiel die von Señor Ulloa. Er verkauft seine rein pflanzlich gefärbten Teppiche mit Abbildungen andiner Landschaften oder auch mal mit einem Gemälde Picassos bis nach Europa und Australien. Doch Señor Ulloa macht sich Sorgen um seine Kunst: „Ich weiß nicht, ob es in zehn Jahren noch Menschen gibt, die wirklich gute Wandteppiche herstellen können. Das ist keine einfache Arbeit, man braucht viel Geduld und Konzentration. Aber wenn man heute jemanden aus der Stadt fragt, warum er seinen Kindern das Handwerk nicht beibringt, sagt der nur, ‚ein Weber in der Familie sei genug‘. "Der Beruf des Webers ist nicht besonders angesehen, weil es nicht an der Universität unterrichtet wird und weil die Preise immer weiter sinken.", so Ulloa. Der Kunsthandwerker kann zwar gut von seiner Kunst leben. Dennoch bekommt er, wie viele andere Bewohner der Stadt, die Konkurrenz durch eine weniger qualitative, doch deutlich günstigere Massenproduktion zu spüren. Vor allem die jungen Bewohner zieht es deshalb fort in die Hauptstadt oder in nahegelegene Großstädte.


So wie den Kunsthandwerkern in San Pedro de Cajas geht es vielen in Peru, und das, obwohl die Textilbranche nach der Rohstoff-Förderung die wichtigste für den peruanischen Export ist. Neben den sozialökonomischen Problemen gibt es Schwierigkeiten bei der Kontrolle industrieller Textilfertigung, die erheblichen Einfluss auf die Umwelt nimmt. Nicht nur in diesem Sektor können staatliche Neuregelungen oft nicht mit der Entwicklung aufstrebender Industriezweige mithalten, die dringend einer Reglementierung bedürften, um die Umwelt nicht mit schädlichen Eingriffen oder Abfällen zu belasten. Sowohl auf der Klimakonferenz in Lima, im Dezember 2014, als auch im peruanischen Alltag werden Themen wie Umweltschutz und Klimawandel immer wichtiger. Vor allem die junge Generation fordert eine Umformung der wichtigsten Wirtschaftszweige unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten.

 

Ein alternatives Geschäftsmodell mit Erfolgschancen


In den Gassen des aufstrebenden Viertels Miraflores in Lima bekommt man diesen Wandel besonders zu spüren. Hinter den bunten Wänden der kolonialzeitlichen Häuser ist einiges in Bewegung. Junge, weltoffene Unternehmer setzen hier ihre Visionen von alternativen Geschäftsmodellen um. Einer von ihnen ist Pedro Cordova Zignago, ein ambitionierter Peruaner. Er hat klare Vorstellungen von der Textilbranche, aber auch von der internationalen Verantwortung hinsichtlich des Klimaschutzes. Eine Reise hat ihn Modemacher werden lassen, ohne dass er das je geplant hätte. Unterwegs in einem kalifornischen Skigebiet bemerkte Zignago, dass viele Sportler Mützen mit traditionellen peruanischen Mustern trugen. Über Jahrhunderte entwickelt von eben jenen Kunsthandwerkern, die heute Schwierigkeiten beim Verkauf ihrer Produkte haben.


Die Mützen, die Zignago auf seiner Reise sah, waren meist in Asien gefertigt und von mangelhafter Qualität. Davon angeregt entwickelte er zusammen mit internationalen Freunden das Geschäftsmodell CHUYO. „Die Idee war, peruanisches Kunsthandwerk bekannter zu machen und so den Künstlern in den Dörfern einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. Wir wollten zeigen, dass Peru eine Spielwiese für Abenteurer und Sportler ist, auf der ein verantwortlicher Umgang mit der Natur möglich sein kann. Also haben wir uns auf eine Produktionsweise von Mützen konzentriert, die auf lokale Kenntnisse zurückgreift, eine möglichst geringe Belastung für die Umwelt ist und eine hohe Qualität bietet.“, berichtet Zignago. Die Einstellung des jungen Peruaners sowie seine Firma sind ein Beispiel für eine neue Art der Mode, die soziale und ökologische Standards erfüllen will. Auch wenn dabei das Risiko in Kauf genommen wird, höhere Produktionskosten zu haben als andere Firmen. Doch nicht nur in Peru zeigt sich, dass dieses Konzept zukunftsfähig ist.

 

Verkaufsstrategien für die Öko-Branche


Auch in Deutschland wird immer mehr Konsumenten bewusst, was auch Sabine Lydia Müller, Pressesprecherin der Internationalen Fachmesse für nachhaltige Textilien (INNATEX), beschäftigt: „Wenn wir durch unseren Billig-Konsum Menschen im Ausland arm halten, dann kommen die zu uns. Wenn wir dort keine Umweltauflagen durchsetzen, dann landen die chemischen Stoffe in der gesamten Natur. Das verseucht am Ende auch wieder uns. Das ist wie Ping Pong. Warum werden in Deutschland Textilien verkauft, die in ihrer Produktion an deutsche Standards nicht annähernd heranreichen?“ Für Müller ist klar, dass sich etwas am westlichen Lebens- und Konsumstil ändern muss und dass dafür Staaten, Firmen und Konsumenten zusammenarbeiten müssen. Ihre Aufgabe als Vorstand des Verbandes nachhaltiger Unternehmen „dasselbe in grün e.V.“ besteht vor allem darin, Menschen von Konsum-Alternativen zu überzeugen, die selbst nicht auf die Idee kämen, danach zu suchen. Dafür hat Müller eine ganz bestimmte Strategie entwickelt: „Ich versuche zu zeigen, dass es mir persönlich Spaß macht, etwas Besonderes zu haben. Es geht gar nicht um Verzicht, sondern darum, sich etwas zu gönnen! Deshalb muss man Öko als den Luxus verkaufen, der er ja wirklich ist.“ Jede von Zignagos Mützen hat beispielsweise eine einzigartige Geschichte. Für diese trifft auf einer globalen Ebene zu, was auch den Besuch in San Pedro de Cajas so besonders macht: Wer eine Mütze von CHUYO kauft, kann nachvollziehen, woher die Wolle kommt, wer sie verarbeitet hat und wie sie zum Käufer gelangt ist. Das ist, so bestätigt auch Sabine Lydia Müller, ein Anreiz für viele Konsumenten, auf die manchmal etwas teurere, aber persönlichere Variante umzusteigen. Ihr selbst gefällt es, beim Kauf eines Produktes auch seine Geschichte zu erfahren.


Für kleine Unternehmer wie Zignago ist es durch hohe Zölle und unübersichtliche Einfuhrbestimmungen dennoch schwierig, in den wachsenden europäischen Öko-Markt einzusteigen. Zu einer breiteren Umsetzung nachhaltiger Standards in den jeweiligen Produktionsländern könnten lokale Ansprechpartner wie der junge peruanische Unternehmer allerdings beitragen. Denn zum Einen haben sie Kontakte in die Herkunftsorte des Kunsthandwerks und zum Anderen kennen sie sich im Marketing aus. Pedro Cordova Zignago und Sabine Lydia Müller stimmen deshalb darin überein, dass Regelungen entwickelt werden sollten, die ökologisch achtsame Produzenten und Konsumenten global besser vernetzen. Denn dass ein wachsendes Interesse an der Öko-Textilbranche besteht und dass der Vertrieb klappt, wenn die Infrastruktur dafür besteht, können sie beide bestätigen.

 

Das Textilbündnis des BMZ 


Ein Schritt in eine neue Richtung ist das Textilbündnis, mit dem der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller seit letztem Jahr NGOs, Firmen und staatliche Institutionen im Bemühen um angemessene Standards vereint. Zwar sind viele Parteien, die vorher an den Verhandlungen teilgenommen hatte, letztlich ausgestiegen. Kritiker bemängeln, dass die Mehrzahl der aktuellen Bündnispartner sowieso schon den angestrebten Standards entsprechend ausgelegt ist. Dennoch setzt das Bündnis ein Zeichen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beschreibt die Ziele des Bündnisses wie folgt: „Das Textilbündnis schafft einen Rahmen, der die verstärkte Nutzung von bestehenden Systemen fördert. Dies erfordert natürlich viel Arbeit und Expertise. Genau aus diesem Grund vertrauen wir auf einen Ansatz, der viele unterschiedliche Akteure mit einbezieht. Denn nur so können wir einen schnellen und erfolgreichen Fortschritt erzielen.“ Hauptziel im Aktionsplan des Bündnisses sei es, für die gesamte Lieferkette von Textilien und Bekleidung bis hin zur Entsorgung, Standards zu entwickeln, die in festgelegten Zeiträumen erfüllt werden. Der Produktionsprozess soll für den Verbraucher so transparent wie möglich gestaltet werden. Dabei umfassen die bisherigen Vorschläge soziale Bereiche, wie Arbeitssicherheit und das Verbot von Diskriminierung und Kinderarbeit, ökologische Regelungen zur Verwendung und Verarbeitung von Materialien, als auch die ökonomische Dimension, in der vor allem Korruption und Transparenz in der Produktion behandelt werden sollen. Eine gesetzliche Regelung für Deutschland ist vorerst nicht geplant.

 

Globale Bemühungen für mehr Kommunikation und Transparenz


Eine bessere Kommunikation innerhalb globaler Prozesse in der Textilproduktion könnte die Öko-Branche, die zumindest in Europa längst keine Nischenerscheinung mehr ist, unterstützen. Sowohl lokale Produzenten mit einzigartigen Kenntnissen wie in San Pedro de Cajas, als auch Visionäre wie Pedro Cordova Zignago und Sabine Lydia Müller, kann eine bessere Vernetzung darin unterstützen, soziale und ökologische Standards durchzusetzen. So kann allen Beteiligten deutlicher gemacht werden, welches Produkt woher kommt und wo es endet. Schließlich sind es die Konsumenten, die mit ihrer Kaufkraft indirekt über Produktionswege entscheiden, die fortgeführt, weiterentwickelt oder abgebrochen werden. So Entwicklungsminister Gerd Müller zur aktuellen Herausforderung für die Zivilgesellschaft als auch für das Textilbündnis auf dem Klimagipfel in Lima: „Verhandeln ist das Eine, und dann brauchen wir konkrete Umsetzungen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.“

 

Mila Brill ist Studentin der Lateinamerika- und Altamerikastudien in Bonn. Sie befasst sich vor allem mit sozialen und politischen Thematiken des Andenraums.

Jede Mütze ist handgemacht und hat eine eigene Geschichte.

Die Fasern von Alpaka- und Lamawolle sind ungewöhnlich stark, isolieren gut und wirken naturbelassen auch antibakteriell.

Traditionelle Webkunst vs. industrielle Produktion. In San Pedro de Cajas ist der Beruf des Webers bereits eine Seltenheit.