Hybride Experimente und Genre-Kino

Der lateinamerikanische Film auf der Berlinale

von Sonja Hofmann


Die Berlinale fand in diesem Jahr coronabedingt gleich zwei Mal statt: zunächst im März als Online-Version nur für Branche und Presse abgehalten, wurde nun im Juni dem Berliner Publikum das Programm als Open-Air-Festival geboten. Im Wettbewerb stellte der mexikanische Filmemacher Alonso Ruizpalacios mit der Netflix-Produktion "Una película de policías" sein neues Hybrid-Werk vor. Eine ebensolche Mischung aus realen und inszenierten Szenen wurde mit dem Publikumspreis der Sektion Panorama ausgezeichnet: der brasilianische Film "A Última Floresta" erzählt bildgewaltig vom Kampf der Yanomami um den Erhalt ihres Lebensraums. Auch Ausflüge ins Genre-Kino ließen sich auf der Berlinale entdecken, wie etwa der Polizei-Thriller "Azor" von Andreas Fontana.

"Una película de policías" von Alonso Ruizpalacios (Credit: No Ficción)
"Una película de policías" von Alonso Ruizpalacios (Credit: No Ficción)

Eine fehlgeschlagene Militäroperation oder grausamer Mord und Entführung? Darum geht es in dem Fall einer Entführung und zwei Morden von drei jungen Mädchen. Nicht alle Fakten sind klar, fest steht aber: Am 2. September 2020 griff die Einheit Fuerzas de Tareas en Conjunta (FTC) der paraguayischen Armee eine Gruppe von Personen nahe eines Guerillalagers der paraguayischen Volksarmee (Ejecito del Pueblo Paraguayo, EPP) in der Stadt Yby Yaú an.

 Die EPP ist eine kleine rurale marxistisch-leninistische Guerilla, die laut ihrer Grundsatzerklärung „als Antwort auf die Gewalt gegen die arme Bevölkerung, als Mittel der Selbstverteidigung einiger bäuerlicher Gemeinden der ärmsten Departements des Landes“ entstanden ist. Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpft der Staat Paraguay gegen diese Guerillag- ruppe, auf deren Konto zahlreiche gewaltsame Aktionen und Geiselnahmen gehen. Der Staat Paraguay reagiert mit harter Hand und repressiven Praktiken der Aufstandsbekämpfung. Der Fall der Mädchen macht dies deutlich. Das Gebiet, in dem der Angriff auf die Mädchen stattfand, ist hoch militarisiert.

 María Carmen und Lilian Mariana Villalba, beide 11 Jahre alt, Töchter von EPP Guerillas, wurden bei dem Angriff der FTC zunächst gefangen genommen und verschleppt. Carmén Oviedo Villalba, „Lichita“, damals 13 Jahre alt, wurde bei dem Angriff am Bein verwundet, konnte aber gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester, ihrer Cousine und ihrer Tante Laura Villalba entkommen. Später fand man María Carmen und Lilian Mariana Villalba in einem Waldgebiet in Armeejacken gekleidet tot auf. Para- guays Präsident Mario Abdó Benítez posierte noch am selben Tag mit einer kugelsicheren Weste und einer Waffe am Gürtel neben den Leichen der Mädchen. „Wir haben eine erfolgreiche Operation gegen die EPP gehabt. Nach einer Konfrontation sind zwei Mitglieder dieser bewaffneten Gruppe getötet worden“, sagte er. 


"A Última Floresta" erhält Publikumspreis

 

Mit seinem ebenfalls hybriden Konzept aus realen und inszenierten Szenen konnte hingegen der brasilianische Film "A Última Floresta" überzeugen, der während der Sommerberlinale mit dem Publikumspreis in der Sektion Panorama ausgezeichnet wurde. Der Filmemacher und Anthropologe Luiz Bolognesi liefert ein bildgewaltiges und beeindruckendes Zeugnis über die indigene Gemeinschaft der Yanomami, das zwischen beobachtenden Aufnahmen und gespielten Sequenzen wechselnd ihre bedrohte Lebenswelt in den Regenwäldern des Amazonasgebietes schildert. Seit dem Amtsantritt Bolsonaros dringen hier wieder vermehrt Goldsucher ein, die das Wasser mit Quecksilber vergiften und tödliche Krankheiten einschleppen, wie zuletzt den Corona-Virus. Eine zentrale Rolle im Film nimmt Davi Kopenawa Yanomami, Schamane und Sprecher der Yanomami-Gemeinschaft, ein, der als Co-Autor am Film mitwirkte und sich auch im Ausland für die Bewahrung der Kultur der Yanomami einsetzt, die seit über eintausend Jahren in den Wäldern im Norden Brasiliens und Süden Venezuelas beheimatet sind.

Zwischen diese dokumentarischen Sequenzen fügen sich erstaunlich homogen inszenierte Spiel-Szenen ein, die von den Ursprungsmythen der Yanomami und ihrem besonderen Verhältnis zur Natur erzählen und mit dem stimmigen Sounddesign eine vielschichtige Erzählung über den fortwährenden Kampf um den Erhalt ihres Lebensraums bilden.

 

©Pedro J. Márquez
"A Última Floresta“ von Luiz Bolognesi erhielt den Panorama-Publikumspreis; ©Pedro J. Márquez

Spiel mit dem Genre-Kino: "Azor"

 

Neben hybriden Experimenten ließen sich auch Genre-Formate entdecken: Andreas Fontana spielt in seinem Debüt-Film "Azor", der in der Encounters-Sektion gezeigt wurde, mit dem Genre des Polit-Thrillers. Während der argentinischen Militärdiktatur reist der Schweizer Privatbankier Yvan De Wiel mit seiner Frau nach Buenos Aires, um seinen verschwundenen Partner René Keys zu suchen und dessen reiche Geschäftskunden zu übernehmen. Unterstützt von Co-Autor Mariano Llinás, der mit seinem faszinierenden 14 stündigen Filmprojekt "La Flor" (2018) sein verspieltes erzählerisches Talent unter Beweis gestellt hatte, entspinnt Fontana ein geheimnisvolles Geflecht aus dekadenten Großgrundbesitzern, Adeligen und Neureichen sowie korrupten Militärs, deren Hauptinteresse jeweils ihrem Besitz gilt, den sie in Sicherheit wiegen wollen. Die schöne Welt der weißen Elite wird dabei in ruhigen und künstlich wirkenden Tableaus inszeniert, als habe sie nichts mit der anderen Welt da draußen zu tun, wo auf den Straßen, wie beiläufig, junge Menschen verhaftet werden. Während sich De Wiel zunächst beobachtend zurücknimmt, um die undurchsichtigen geschäftlichen Arrangements der argentinischen Kundschaft zu verstehen, verändert sich bald die Tonalität des Films. Je tiefer der Banker De Wiel hier eindringt und die Machtspiele nicht nur durchschaut, sondern an Skrupellosigkeit zu übertrumpfen sucht, umso doppeldeutiger, zwielichtiger und morbider gestaltet sich der Film, der damit auf subtile Weise neokolonialistische Machtstrukturen jenseits aller Moral zum übergeordneten Thema macht.

 

©Pedro J. Márquez
"A Última Floresta“ von Luiz Bolognesi erhielt den Panorama-Publikumspreis; ©Pedro J. Márquez

Sonja Hofmann ist Filmkuratorin und leitet die Kulturredaktion von Matices.