HEy mate!

Vom Kürbis in die Flasche

Mate hat insbesondere in Argentinien, Uruguay, Paraguay und Brasilien eine lange Tradition. Heute findet man es in Deutschland vor allem als Bestandteil von hippen Mix-Getränken. Wie kam es dazu, dass sich der über Jahrhunderte bewährte Heiltrank plötzlich auch als Erfrischungsgetränk im deutschen Kiosk wiederfand? 

von Laura Gutensohn

Das Yerba-Kraut als In-Getränk in der Glasflasche: Club Mate (© Club Mate)
Das Yerba-Kraut als In-Getränk in der Glasflasche: Club Mate (© Club Mate)

Ob im Berliner Kiez, am Kölner Büdchen oder im Tante-Emma- Laden auf dem Land: Mate scheint mittlerweile in ganz Deutschland ein Zuhause gefunden zu haben. Die kühle Wachmacher-Limonade hat in den letzten Jahren immer mehr an Bekanntheit gewonnen. Spätestens seitdem das Original Club-Mate ebenbürtige Nachfolger wie Mio Mate und Mate Charitea bekommen hat, ist ‘Mate’ vielen ein Begriff. Der herb-bittere Geschmack der Limos mag anfangs noch gewöhnungsbedürftig sein; im Vergleich zum originären Yerba-Kraut aus Südamerika scheinen sie aber fast schon süffig. Etwa 5000 Jahre liegen zwischen dem Entdecken der Pflanze und der Weiterverarbeitung zur Limonade. Wie sieht der Weg aus, den die Heilpflanze in diesen Jahrtausenden zurückgelegt hat? 

 

Warum Mate eigentlich nicht Mate heißt

Das Wort Mate wird international recht inflationär verwendet, um damit einen Inhaltsstoff zu beschreiben, der eigentlich ganz anders heißt. Es stammt ursprünglich aus der Sprache der Quechua, wo mati so viel bedeutet wie Trinkgefäß. Etwa 3000 v. Chr. entdeckte das Volk der Kaingang im südlichen Brasilien die Pflanze Yerba und konsumierte die bitteren Blätter zunächst roh. Die Guaraní entwickelte daraus schließlich ein Getränk: in einem ausgetrockneten Mate aus Kürbis tranken sie durch Bombillas (Trinkröhrchen, damals aus Zuckerrohr) das mit Yerba-Blättern angereicherte Wasser. Interessant für andere Völker wurde das Getränk vor allem durch die religiöse Bedeutung, die die Guaraní ihrem ‘Zaubertrank’ nachsagten. Sie priesen Yerba Mate als Geschenk der Götter und verliehen ihm damit eine spirituelle Bedeutung. Fortan war das Getränk auch für andere Völker interessant und wurde zur Tauschware. Von dort sollte Mate jedoch noch einen langen Weg vor sich haben, bevor es mit Kohlensäure untersetzt im deutschen Kühlschrank landen würde. 

 

Vom traditionellen Trank zum kommerziellen Erfolg

Dass die Yerba-Blätter einen aufputschenden Effekt hatten, merkten die Ureinwohner*innen Südamerikas schnell. Die körperliche und geistige Wachsamkeit interpretierten sie als besondere Verbindung zur Natur und den Göttern. Ähnlich erging es schließlich auch Pedro de Mendoza, dem Gründer von Buenos Aires. Dem spanischen Eroberer fiel sofort die besondere Wirkung des Krauts auf, als er Ende des 16. Jahrhunderts das Land kolonialisierte. Wenige Jahrzehnte vergingen, bis auch die Jesuiten Paraguay besiedelten, das damals von den indigenen Guaraní bewohnt wurde. Sie erkannten schnell den kommerziellen Nutzen der Pflanze und begannen erstmals mit dem systematischen Anbau. Als Pioniere des Mate-Anbaus konnten sie bis zu ihrer Vertreibung im 18. Jahrhundert ein Handelsmonopol in ganz Lateinamerika innehalten. 

 

Auch die Kolonialisierung Brasiliens hatte Einfluss auf die internationale Bekanntheit der Pflanze. Nicht nur Soldaten, Entdecker und Abenteurer machten sich mit Schiffen auf den Weg ins Unbekannte, sondern auch Forschende. Wie auch sein Zeitgenosse Charles Darwin begab sich der französische Botaniker Auguste de Saint-Hilaire auf Reisen, um die Flora der Welt zu erforschen. Während seines Aufenthaltes in Brasilien ordnete er um 1820 die Mate-Pflanze erstmals systematisch ein. Gut 60 Jahre später beschrieb der französische Mediziner Dr. Doublet die Wirkung des aufgebrühten Mate-Tees wie folgt: „Eine allgemeine Aktivitätssteigerung, sowohl intellektuell, als auch motorisch und vegetativ, die Schwung und Kraft verleiht sowie ein allgemeines Wohl- befinden hervorruft.“ 

 

Für Brasilien bedeutete das Interesse an Mate vor allem eins: wirtschaftlichen Aufschwung. Besonders der Bundesstaat Paraná profitierte von dem wachsenden Interesse und konnte sich 1853 als Bezirk von São Paulo abspalten und unabhängig werden. Bis zu 85% der Wirtschaftsleistung des Bundesstaates Paraná waren für mehr als ein halbes Jahrhundert auf den Mate-Anbau und die Weiterverarbeitung der Pflanze zurückzuführen. Das gigantische wirtschaftliche Wachstum schaffte nicht nur neue Arbeitsstellen, sondern sorgte auch für eine Verbesserung der Infrastruktur. Neue Städte entstanden und mit der Mate-Produktion sogar ein neuer Geschäftszweig: die Fassherstellung. 

 

Hey Mate: das Getränk bei den Gauchos und im Club 

Mate-Limonaden gehören in deutschen Großstädten fast schon zum hippen Leben dazu. Die aufputschende Wirkung des Yerba-Auszugs macht es in Kombination mit dem frischen Zitronengeschmack zu einem idealen Party-Getränk – ob pur oder als Longdrink. 

 

Schon die Gauchos genossen das Getränk am liebsten in Gesellschaft. Die Nachkommen iberischer Einwanderer und Indigenas besiedelten als Viehhalter Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Als wertvolles Gut nahmen sie Mate schnell in ihren Lebensstil auf. Im Zuge dessen entwickelten sie eine Tradition, die bis heute weitergelebt wird. Sie versammelten sich dabei in kleinen Gruppen und ließen den Mate von Hand zu Hand zirkulieren. Besonders in Argentinien, wo Mate in über 90% der Haushalte konsumiert wird, findet sich diese Tradition auch heute noch. Dabei ist es üblich, dass eine Person für den Aufguss verantwortlich ist und für jedes Mitglied der Gruppe neues Wasser nachgießt. Mate wird jedoch keineswegs nur im geselligen Rahmen zu sich genommen, sondern fungiert als aufputschendes, nährstoffreiches und wohltuendes Getränk, das den ganzen Tag über genossen werden kann.

 

Deutschland gehört heute zu den Top-Importeuren von Mate. Das liegt nicht nur an der lateinamerikanischen Gemeinschaft und all den anderen Yerba-Fans, sondern auch an Club-Mate. Das In-Getränk wird seit 1994 im Steigerwald in Südwestdeutschland produziert. Rund 230 Kilometer nördlich davon fing die Geschichte mit Mate in Deutschland aber ursprünglich an – im Thüringer Köstriz. Hier wurde bereits in den 1930er Jahren aus Mate-Tee Sekt-Bronte hergestellt. In den 90er Jahren verkaufte der Besitzer das Patent an die Familie Loscher und bald darauf fand Club-Mate Einzug in die gesamte Republik. Besonders in den letzten Jahren wurde durch die hohe Nachfrage ein regelrechter Mate-Boom entfacht. Neben den klassischen Mate-Limonaden haben sich mittlerweile auch Mate-Mixe mit Banane, Pfirsich, Apfel und Co. ins Kühlregal gesellt. 

 

Auch die Aufzeichnungen des argentinische Instituto Nacional de la Yerba Mate beweisen das gesteigerte Interesse an Yerba- Produkten. Die Mate-Produktion ist in den letzten zehn Jahren von knapp 250.000 Tonnen pro Jahr auf nahezu 900.000 Tonnen gestiegen. Und selbst in Deutschland wird mit Meta Mate ein Yerba-Kraut geerntet; das wächst allerdings ausschließlich wild und wird von autonomen Bauern weiterverarbeitet. 

 

Bye Mate? Wohl eher nicht! 

Wer sich hierzulande ein Gericht zubereitet, greift nicht selten auf Lebensmittel und Gewürze zurück, die ihren Ursprung in Lateinamerika haben. Chilis werden häufig mit der indischen Küche in Verbindung gebracht, stammen jedoch aus Südamerika und wurden bereits von den Mayas verehrt. Erst im 15. Jahrhundert fanden sie durch Seefahrt und Kolonialisierung ihren Weg nach Europa und Indien. Und dann wäre da noch die achso deutsche Kartoffel. Auch sie kommt ursprünglich aus Argentinien, Venezuela, Chile und der Insel Chiloé und wurden Schätzungen zufolge bereits vor 8000 Jahren kultiviert. 

 

Während Kartoffel und Chili feste Bestandteile vieler Mahlzeiten in großen Teilen der Welt sind, hat sich Mate einen anderen Weg in den Gaumen erschlichen. Denn obwohl Schwarztee als ferner Verwandter von Yerba schon seit eh und je als gesündere Alternative zu Kaffee konsumiert wird, konnte sich der klassische Yerba- Mate in Deutschland bisher nur bedingt durchsetzen. Erst durch den Erfolg von Mate-Limos fand der über 5000 Jahre alte Begriff überhaupt Einzug in den regulären deutschen Sprachgebrauch. 

 

Und obwohl die Hip-Getränke häufig nur noch bedingt etwas mit der ursprünglichen Mate zu tun haben, ist der Sprung ins Kühle gar nicht so weit hergeholt. In Paraguay beispielsweise gehört es – anders als in Argentinien – nicht zur Tradition, die Blätter in heißem Wasser aufbrühen. Auch hier wird das Yerba-Getränk bevorzugt kalt genossen. Vielleicht wird aber auch der Hang zum ‘healthy lifestyle’ sein Übriges tun und das Heilkraut findet endlich seinen verdienten Platz im Küchenregal - neben Kaffee und Tee. 

 

Laura Gutensohn ist Redakteurin bei matices.